Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und PsychotherapieHeft 1 - 2003Tagesklinische und vollstationäre Diagnostik und Behandlung bei ADS und ADHS/HKS - Aspekte der Indikation und VerweildauerIngo Spitczok von Brisinski Stationäre AD(H)S-Diagnostik und -Behandlung sind indiziert, wenn ambulante Untersuchung und Behandlung nicht ausreichen oder nicht möglich sind. Dies kann ganz unterschiedliche Gründe haben: Indikationen stationärer Diagnostik
Unklare diagnostische ErgebnisseEs kommt vor, dass Beobachtungen in der Untersuchungssituation, zu Hause und in der Schule sehr unterschiedlich oder widersprüchlich ausfallen. Manchmal schätzt auch in der Schule ein Lehrer das Verhalten des Kindes völlig anders ein als ein anderer Lehrer. Oder das Kind verhält sich einige Zeit entsprechendend einer ADS/ADHS-Symptomatik, dann wieder unauffällig oder in einer anderen Art und Weise auffällig. Oder es fehlen ausreichende Informationen von Lehrern oder anderen Beteiligten. Es kommt vor, dass Eltern selbst unter ADS/ADHS oder einer anderen psychischen Störung leiden und je nach Ausprägung kann es sein, dass es ihnen sehr schwer fällt, strukturiert Verhaltensbeobachtungen durchzuführen und konstant verlässliche Informationen zu liefern. Hinsichtlich einiger differentialdiagnostisch in Betracht kommender Störungen (z. B. Ausschluss einer beginnenden Psychose oder einer Epilepsie) erreicht die Differentialdiagnostik u. U. keine ausreichende Sicherheit, wenn sie sich auf ambulant durchführbare Beobachtungen und Untersuchungen beschränken muss. Teilstationäre und stationäre Diagnostik ist im Rahmen eines integrativen Ansatzes von dem Bemühen geprägt, den Dualismus von ‚Diagnostikraum' und ‚Realitätsraum' zu überwinden, in dem der Patient einen Großteil seines Tages mit in diagnostischer Beobachtung geschultem Fachpersonal verbringt. Allerdings entspricht der Realitätsraum einer kinder- und jugendpsychiatrischen Station in vieler Hinsicht nicht dem Realitätsraum des heimischen Umfelds (s. u.). Werden Fragebögen zum HKS (z. B. Conners, Barkley, Klein, usw.) vom Pflege- und Erziehungsdienst (z. B. von der Bezugsbetreuerin) ausgefüllt, ist zu beachten, dass im Falle einer quantitativen Auswertung die für Lehrer oder Eltern erhobenen Normen oder Anhaltswerte nicht ohne weiteres zur Auswertung herangezogen werden dürfen, da Mitarbeiter einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in der Einschätzung zum Vergleich eher ihre klinische Inanspruchnahmepopulation (die üblicherweise zumindest im Kindesalter zu einem erheblichen Teil aus Patienten mit ADHS-Problematik besteht), Lehrer dagegen ihre schulbezogene ‚Normalpopulation' (in der nach Döpfner et al. 2000 eine ADHS-Problematik in der Häufigkeit lediglich von etwa 2,4 bis 17,8% zu erwarten ist) heranziehen. Komplexe StörungsbilderOftmals kommen im Zusammenhang mit Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen noch weitere Symptome bzw. Störungsbilder vor (z. B. Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, Autismus, Depressivität, Ängste, Epilepsie, schwere intrafamiliäre Konflikte, schwere Erkrankung eines Elternteils), bei denen sich nur stationär ausreichend Differenzierungen vornehmen und Interaktionen beurteilen lassen sowohl vor als auch während der Behandlung. Krise, schwere AusprägungBei sehr stark ausgeprägter Symptomatik (z. B. wenn ein Schulverweis unmittelbar bevor steht, eine stark verminderte Impulskontrolle mit Selbst- bzw. Fremdgefährdung vorliegt) ist in der Regel ein schnellstmöglicher Abschluss der Diagnostik notwendig, um so schnell wie möglich eine suffiziente Therapie beginnen zu können, so dass für ambulante Diagnostik nicht ausreichend Zeit bleibt bzw. der erforderliche diagnostische Rahmen nicht gestellt werden kann. Unzureichende KooperationFür ambulante Untersuchungen ist ein Mindestmaß an Kooperation seitens des Patienten und seiner Angehörigen erforderlich. Macht der Patient nicht mit oder fehlt die Mitarbeit der Eltern (z. B. aus Motivationsgründen, aufgrund von Ängsten oder einer psychischen Störung eines Elternteils oder beider Eltern) kann ggf. eine stationäre Aufnahme Klarheit schaffen. Manchmal gibt es auch Probleme in der Kooperation zwischen Schule, Familie und Jugendamt (Imber-Black 1997), die sich ambulant nicht ausreichend vermindern lassen, so dass erst eine Helferkonferenz in den ‚neutralen' Räumen einer Klinik den Beginn bzw. die Wiederaufnahme einer konstruktiven Zusammenarbeit ermöglicht. Manchmal stehen Befürchtungen der Schule, des Jugendamts oder eines behandelnden Psychotherapeuten, dass die Diagnose ‚ADHS' von Erziehungsproblemen der Eltern ablenkt dem Wunsch der Eltern nach Entlastung von Schuldgefühlen gegenüber. Ein ressourcenorientierter Umgang mit der Diagnose (Spitczok von Brisinski 1999) ermöglicht oftmals die Auflösung eines einengenden und belastenden ‚Entweder - oder' zugunsten eines Autonomie fördernden ‚Sowohl - als auch'. Erschöpfte Ressourcen des sozialen UmfeldsHandelt es sich z. B. um eine alleinerziehende Mutter von 5 Kindern, die weit weg von ambulanten Möglichkeiten zur Diagnostik und Behandlung wohnt und ein geeignetes Transportmittel nicht zur Verfügung steht, kann dies ambulante Diagnostik mit mehrfachen Terminen sehr erschweren und u. U. sogar unmöglich machen. Indikationen stationärer BehandlungIn der Regel ist bei reinem ADS (ICD-10: F98.8, DSM-IV: 314.00) bzw. ADHS (ICD-10: F90.0, DSM-IV: 314.01) eine ambulante Behandlung ausreichend. Kommen jedoch zusätzliche Probleme bzw. Symptome hinzu, kann eine stationäre Behandlung indiziert sein:
Unzureichende Rückbildung der Symptomatik trotz ambulanter BehandlungEs kommt vor, dass trotz ausreichender Kooperation aller Beteiligten und konsequenter Anwendung der zur Verfügung stehenden ambulanten Behandlungsmaßnahmen keine ausreichende Rückbildung der Symptomatik erreicht wird. Die Behandlung erfordert dann Behandlungsmethoden, die allein oder in Kombination ambulant nicht oder nicht ausreichend verfügbar sind (z. B. Milieutherapie auch in den Abendstunden). Der entscheidende Unterschied zwischen ambulanter und stationärer Therapie ist der außerordentliche Zuwachs an Komplexität und die Dichte der Interaktion im therapeutischen System (Rotthaus 1998). Mitglieder des therapeutischen Systems sind nicht nur der Indexpatient, seine Angehörigen und der/die mit der Familie arbeitenden Therapeut(en), wie Arzt, Psychologe, Bewegungstherapeut, Ergotherapeut, usw., sondern auch die Mitarbeiter des Pflege- und Erziehungsdienstes, die Mitpatienten, die Ärzte im Bereitschaftsdienst, usw.. Zwischen diesen Mitgliedern des therapeutischen Systems kommt es zu vielfältigen Interaktionen. Sie "beeinflussen sich gegenseitig ohne wesentliche Pause, und es finden Interventionen statt, die nicht nur vom Therapeuten ausgehen. Es gibt eine Vielzahl von Gelegenheiten, von seiten des Patienten oder seiner Angehörigen in der Klinik zu intervenieren, ebenso wie von seiten anderer Subsysteme, die an diesem Prozess beteiligt sind" (Kowerk 1986, S. 6). Allerdings kann die Komplexität des therapeutischen Systems auch dazu führen, dass gegenläufige therapeutische Einflussnahmen sich gegenseitig aufheben oder es gar zu einer Verschlechterung der Symptomatik kommt. Komplexe StörungsbilderEs können im Zusammenhang mit Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen noch weitere Symptome bzw. Störungsbilder (z. B. Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, Autistische Störung, Bindungsstörung, Persönlichkeitsstörung, Depressivität, Ängste, Epilepsie) auftreten, die einer stationären Therapie bedürfen. Oder es können zusätzliche Belastungen (z. B. schwere intrafamiliäre Konflikte, schwere Erkrankung eines Elternteils oder beider Eltern) auftreten, so dass eine ambulante Behandlung nicht durchführbar ist. Auch kann es sein, dass die in den ambulanten Therapiesitzungen (‚Therapieraum') erreichten Fortschritte nicht ausreichend außerhalb der Therapiesitzungen (‚Realitätsraum') greifen bzw. kein Transfer stattfindet. Teilstationäre und stationäre Behandlung strebt im Rahmen eines integrativen Therapiekonzepts danach, den Dualismus von ‚Therapieraum' und ‚Realitätsraum' zu überwinden (Becker & Senf 1988), in dem der Patient einen Großteil seines Tages mit therapeutisch geschultem bzw. supervidiertem Fachpersonal verbringt. Eine gewisse Problemverlagerung kann sich allerdings dadurch ergeben, dass der Realitätsraum einer kinder- und jugendpsychiatrischen Station in vieler Hinsicht nicht dem Realitätsraum des heimischen Umfelds entspricht (s. u.). Daher müssen die auf der Station entwickelten und überprüften Interventionen umfassend während der Belastungserprobungen im heimische Umfeld auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Krise, schwere AusprägungKommt es zu einer krisenhaften Zuspitzung oder ist die Symptomatik sehr stark ausgeprägt, ist oftmals ambulante Behandlung nicht ausreichend schnell erfolgreich genug (z. B. wenn ein Schulverweis unmittelbar bevor steht) bzw. nicht verantwortbar (wenn z. B. eine stark verminderte Impulskontrolle mit Selbst- bzw. Fremdgefährdung vorliegt). Unzureichende KooperationFür ambulante Therapie ist ein erhebliches Maß an Kooperation seitens des Patienten und seiner Angehörigen erforderlich. Macht der Patient nicht mit oder fehlt die Mitarbeit der Eltern (aus Motivationsgründen, aufgrund von Ängsten oder einer psychischen Störung eines Elternteils oder beider Eltern), kann oftmals eine stationäre Behandlung weiterhelfen. Lehnen Patient bzw. die Erziehungsberechtigten jegliche therapeutische Maßnahmen ab, obwohl sie zum Wohle des Kindes bzw. Jugendlichen dringend erforderlich sind, muss u. U. ein richterlicher Beschluss erfolgen, der eine Behandlung gegen den Willen des Patienten bzw. der Erziehungsberechtigten ermöglicht. Probleme im sozialen Umfeld, erschöpfte RessourcenKinder und Jugendliche mit einer schwer ausgeprägten hyperkinetischen Störung erfordern ein beträchtliches Maß an Ressourcen im sozialen Umfeld (Familie, Schule, pädagogische und therapeutische Maßnahmen). Bei länger anhaltenden schweren Störungen, krisenhaften Zuspitzungen, alleinerziehenden Elternteilen oder belasteten Familien kann es sein, dass die Ressourcen des heimischen Umfelds nicht mehr ausreichen, so dass eine stationäre Behandlung erforderlich wird. Manchmal ist die Deeskalation der akuten Problematik nur durch räumliche Distanzierung möglich, bei langanhaltenden Störungen kann die räumliche Distanzierung auch ein notwendiges therapeutisches Werkzeug sein (z. B. zur Einleitung einer Autonomieentwicklung oder Entspannung einer chronischen Konfliktsituation). Die Familie erhält die Chance, sich zu erholen und neue Methoden des Umgangs miteinander zu erlernen, statt ihr Lösungsmuster des ‚Mehr Desselben' zu verewigen. Auch kann dadurch, dass das Kind bzw. der Jugendliche die Familie für eine gewisse Zeit verlässt, ein Ungleichgewicht im familiären System auftreten, welches eine Reorganisation der Interaktion fördert (Rotthaus 1998). Unterschiede zwischen tagesklinischer und vollstationärer BehandlungTeilstationäre Behandlung ist indiziert bei einem ausgeprägten Schweregrad, der die familiäre und schulische Integration gefährdet (Döpfner & Lehmkuhl 2000). Andererseits erfordert die tagesklinische Behandlung ein erhebliches Maß an noch vorhandenen familiären Ressourcen, da die Familie morgens, abends und nachts den Belastungen, die durch die Symptomatik des Patienten entstehen, gewachsen sein muss. Außerdem ist eine intensive Elternmitarbeit unverzichtbar. Es kann zudem passieren, dass ein Patient tagsüber unter den klaren Strukturen in der tagesklinischen Behandlung mit dem damit verbundenen Anpassungsdruck relativ gut zurecht kommt, auf der Heimfahrt oder zu Hause dann aber unter gelockerten Bedingungen seine Anspannung ausagiert. Dies kann in besonderem Maße zum Problem werden, wenn zeitgleich die Wirkung des Methylphenidats nachlässt. Einigen Patienten fällt es auch schwer, ständig zwischen den beiden Kontexten, in denen u. U. sehr unterschiedliche Bedingungen und Werte herrschen, hin und her zu wechseln. Ist eine räumliche Distanzierung zur Deeskalation intrafamiliärer Konflikte erforderlich und eine vorübergehende Entlastung der Angehörigen, kann dies vollstationär leichter umgesetzt werden. Einschlafstörungen treten bei Patienten mit ADHS auch ohne Methylphenidat-Behandlung gehäuft auf. Lässt sich diese Symptomatik ambulant nicht ausreichend bessern, ist eine vollstationäre Behandlung von Vorteil, da einerseits im heimischen Bereich eingefahrene symptomerhaltende Muster unterbrochen werden können und andererseits direkt Beobachtung und Methodenerprobung durch Fachpersonal erfolgen kann. Potentieller Nachteil: Was abends auf der Station gut klappt, muss zu Hause unter völlig anderen Bedingungen noch lange nicht funktionieren. Behandlung auf einer Eltern-Kind-StationDie gleichzeitige Aufnahme von Patient und Angehörigen verbindet einige Vorteile ambulanter Behandlung mit einigen Vorteilen stationärer Behandlung (Spitczok von Brisinski & Kleemann 2003): Einerseits wird es durch den veränderten Kontext für alle Familienmitglieder möglich, eingefahrene Umgangs- und Kommunikationsmuster zu modifizieren sowie auf Anregung des Personals neue Möglichkeiten auszuprobieren. Andererseits ist engmaschige fachliche Beobachtung zur Diagnostik sowie eine hohe Interventionsdichte und Methodenvielfalt ‚unter einem Dach' möglich. Symptomerhaltende intrafamiliäre Interaktionsmuster können so besonders intensiv bearbeitet, ressourcenaktivierende Verhaltensweisen entwickelt und geübt werden. Nachteilig ist, dass die vollstationäre Behandlung bei Mitaufnahme Angehöriger zeitlich eng befristet ist, da häufig die Angehörigen nicht in der Lage sind, länger als 3 bis 4 Wochen von zu hause weg zu bleiben. Außerdem ist der Kontext auf der Station ein ganz anderer als zu Hause, so dass auch hier der Transfer von Verhaltensänderungen auf das heimatliche soziale Umfeld des Patienten und seiner Angehörigen (einschließlich Schule) berücksichtigt werden muss. Methoden der stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik und TherapieDas Behandlungsteam setzt sich aus Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen, Pflegekräften, Erziehern und Fachtherapeuten wie z. B. Motopäden, Ergotherapeuten, Kunsttherapeuten, Musiktherapeuten, Sprachheiltherapeuten, usw. zusammen. Dies ermöglicht intensive und koordinierte Arbeit an mehreren Ansatzpunkten gleichzeitig. Das Kind bzw. der Jugendliche wird dabei jedoch nicht überlastet, da weder lange Anfahrten zu den verschiedenen Terminen anfallen noch die sonstigen Belastungen des Alltags beibehalten werden müssen. So kann die Belastung auf der Station und durch verschiedene Therapien sowie durch die Schule im Rahmen der Beschulung durch eine Klinikschule sehr gezielt gesteuert werden (Spitczok von Brisinski 2002b). Je nach individuellen Fähigkeiten des Patienten können folgende Parameter zur Belastungssteuerung und -erprobung benutzt werden (siehe auch Beispiele in Abb. 1):
Im Rahmen einer stationären Behandlung ist es dabei wichtig, den Patienten nicht nur durch starke Anforderungen zu belasten, sondern stets einen Teil der Anforderungen so zu gestalten, dass der Patient Spaß hat und zeigen kann, was er gut beherrscht. Wird der Patienten mit Stimulanzien behandelt, muss bei der Gestaltung des Tagesablaufs unbedingt die Pharmakokinetik berücksichtigt werden: So tritt z. B. bei Standard-Methylphenidat nach ca. ½ die Wirkung ein und ist durchschnittlich 4 Stunden nach Einnahme beendet. Nimmt der Patient also beispielsweise morgens um 7.30 Uhr das Präparat in einmaliger Dosis, kann ab ca. 11.30 Uhr nicht mehr mit einer positiven Wirkung gerechnet werden. Bei einigen Patienten sind etwa 4 Stunden nach Einnahme Rebound-Effekte, d. h. eine vorübergehend verstärkt auftretende Symptomatik, zu beobachten, wenn nicht frühzeitig eine zweite Dosis eingenommen wird. Erhält der Patient nicht eine Dosisverteilung über den Tag, müssen die Anforderungen und Bewertungen dementsprechend vormittags anders aussehen als nachmittags. Gerade auch in der stationären Behandlung ist es wichtig, selbstwertmindernde Botschaften wie z. B. "Du hast eine Hirnstoffwechselstörung" zu vermeiden und darauf zu achten, dass medikamentöse Therapie nicht als Signal der persönlichen Hilflosigkeit und des Wegfalls autonomer Verantwortung gewertet wird. Denn durch Überwindung der Dualität von Therapieraum und Realitätsraum sowohl durch das Medikament als auch die Klinik besteht in erhöhtem Maße die Gefahr, dass alle Beteiligten den Eindruck gewinnen, die persönlichen Kontroll- und Einflussmöglichkeiten des Patienten und seiner Familie seien so minimal, dass therapeutische Maßnahme ständig notwendig sind. Die gängige Ausdrucksweise, dass der Patient medikamentös ‚eingestellt' wird, unterstellt ein Ausmaß an Passivität, das psychotherapeutischen Interventionen zur Verbesserung von Selbstkontrolle und Autonomie eher zugegen läuft. Viel hilfreicher ist es, dem Patienten zu vermitteln, dass ihm mit ‚seinem' Medikament ein Werkzeug zur Verfügung gestellt wird, das ihn bei sachgerechtem Gebrauch dabei unterstützen kann, das Leben eigenverantwortlich erfolgreich zu meistern (Spitczok von Brisinski 2003). Aspekte der VerweildauerIst die Notwendigkeit einer stationären Diagnostik bzw. Therapie gegeben, ergibt sich das Problem der Übertragbarkeit stationärer Beobachtungen und Lösungen auf das heimatliche Umfeld: Auf einer kinder- und jugendpsychiatrischen Station herrschen in der Regel ganz andere Bedingungen als zu hause, gleiches gilt für den Klinikschulunterricht im Vergleich zur Heimatschule. Oft zeigt sich in den ersten 2 bis 6 Wochen des stationären Aufenthalts eine sogenannte ‚Honeymoon'-Phase: Die Umgebung ist neu, die Kinder bzw. Jugendlichen wissen noch nicht, was sie von den Erziehern und Therapeuten zu erwarten haben, und sie sind bemüht, einen positiven Eindruck zu hinterlassen, um möglichst bald nach Hause zurückkehren zu können. Therapeuten und Erzieher fragen sich in dieser Phase oft, was die Eltern denn meinen, wenn sie über Unruhe, Ungeduld, Aggressivität usw. berichten. Spätestens nach 6 Wochen geht es dann aber meist richtig los: Zusammenreißen und Respekt lassen nach, das Neue ist weg, der Alltag ist eingekehrt, und die von Eltern und Lehrern berichteten Symptome bzw. Probleme werden jetzt sichtbar. Dennoch ergeben sich große Unterschiede zum zu Hause: Die Mitarbeiter der Klinik sind in der Regel gut ausgebildet in der Gewährleistung gut strukturierter und konsequenter Bedingungen. Das ist für Eltern von Kindern mit ADS bzw. ADHS jedoch keineswegs selbstverständlich: Sei es, dass die Eltern einen eher gewährenden Erziehungsstil pflegen, sei es, dass die Eltern selbst unter einem ADS bzw. ADHS leiden oder beides (Spitczok von Brisinski 2002a). Was nützen dann auf der Station effektive Strategien, wenn sie zu Hause nicht umsetzbar sind? Aber auch weitere Variablen unterscheiden sich deutlich von zu Hause: Zum Einen ist da eine Gruppe von etwa 10 Kindern, die zum Teil ähnliche Probleme haben und sich u. U. gegenseitig ‚anheizen'. Zum Anderen ist das Personal darin geschult, klare Grenzen zu setzen, unmittelbares Feedback zugeben, eindeutig, klar und stringent in den Aussagen zu sein. In der Klinikschule herrschen ebenfalls ganz andere Bedingungen als in der Heimatschule: Die Klassen sind klein, die Lehrkräfte sind besonders qualifiziert, die Stundenzahl ist geringer im Vergleich zur Heimatschule. Hier sind positive Entwicklungen möglich, die nicht ohne Weiteres in der Heimatschule kontinuierlich fortgesetzt werden können. Es folgt nun die Phase, in der das, was sich in der stationären Behandlung bewährt, daraufhin überprüft wird, in wieweit es sich zu Hause umsetzen lässt. Parallel wird untersucht, ob zusätzlich zum ADS bzw. ADHS noch weitere behandlungsbedürftige Störungen vorliegen und wie damit ggf. stationär und zu Hause bestmöglich umgegangen werden kann. Psychotherapie, erzieherische Maßnahmen und Pharmakotherapie werden optimiert. Es erfolgt intensive Beratung (Spitczok von Brisinski 2001b) von Angehörigen und Heimatschule. Am Ende der Behandlung stellt sich Kind, Eltern und Behandlern die Frage, ob sich die Symptome ausreichend zurückgebildet haben, diejenigen Vorgehensweisen, die während der stationären Behandlung sich als effektiv erwiesen haben, auch im häuslichen Umfeld sich auf Dauer ausreichend effektiv umsetzen lassen, ob die Eltern zu ausreichender Autonomie und Erziehungskompetenz (zurück-)gefunden haben (Pleyer 2003) und ob die ergriffenen und geplanten Maßnahmen ausreichen, die Problematik dauerhaft zur Rückbildung zu bringen (Spitczok von Brisinski 2001a). Dazu sind Belastungserprobungen zu Hause und möglichst auch in der weiterführenden Schule notwendig. Das Ende der stationäre Behandlung ist nicht das Ende des BehandlungsprozessesBei ADS/ADHS ist in der Regel im Anschluss an die stationäre Behandlung eine ambulante Weiterbehandlung notwendig, so dass vor Beendigung der stationären Behandlung geklärt werden muss, wer die ambulante Weiterbehandlung übernimmt und ob eine nahtlose Weiterführung ab Entlassungszeitpunkt gewährleistet ist. AD(H)S beschränkt sich nicht auf eine medizinische Störung, sondern es sind häufig auch nach der stationären Behandlung außer therapeutischen auch pädagogische Maßnahmen und/oder Veränderungen im heimischen Umfeld erforderlich. So kann es sein, dass sich während der stationären Diagnostik und Behandlung herausgestellt hat, dass ein Schulwechsel erforderlich ist. Bei ausgeprägten hyperkinetischen Störungen oder erheblichen zusätzlichen Problemen und/oder Begleitstörungen sind u. U. langfristige Hilfen in Kooperation mit der Jugendhilfe notwendig, z. B. Hilfen zur Erziehung oder Eingliederungshilfe gemäß § 27 bzw. 35 a SGB VIII.
Anschrift des VerfassersDr. med. Ingo Spitczok von Brisinski Literatur
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