Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 1 - 2003

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2003

Buchrezension

Thomas Armstrong: Das Märchen vom ADHS-Kind - 50 sanfte Möglichkeiten, das Verhalten Ihres Kindes zu verbessern - ohne Zwang und ohne Pharmaka
Junfermann Verlag. Paderborn. 2002. 315 S., 22.50 Euro.

Der provokante Titel der deutschen Übersetzung dieses 1995 in den USA in der ersten Auflage unter dem Titel "The Myth of the A.D.D. Child" veröffentlichten Buches trägt wohl kaum zur Versachlichung der Diskussion um das Thema ADHS bei. Der in Kalifornien lebende Autor war früher Sonderschullehrer und verdient sein Geld jetzt mit Publikationen, Seminaren und Beratung u. a. der Sesamstraße. Zitat: "Das Märchen vom ADHS-Kind setzt sich kritisch mit der fälschlichen Diagnostizierung von Millionen von Kindern mit der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und dem übermäßigen Gebrauch psychoaktiver Medikamente - wie Ritalin - zur Behandlung von Hyperaktivität auseinander. Nach Auffassung des Autors sind viele der Verhaltensweisen, die als ADHS bezeichnet werden, in Wahrheit aktive Reaktionen eines Kindes auf komplexe soziale, emotionale und erzieherische Einflüsse. Wenn Eltern an den Ursachen der Probleme arbeiten, statt Symptome mit potentiell schädlichen Medikamenten und durch Verhaltensveränderungsprogramme nur zu überdecken, können sie ihren Kindern zu mehr Lebensqualität verhelfen." Dennoch räumt er ein: "Der Leser sollte jedoch wissen, dass ich in meinem Buch nicht behaupte, es gäbe keine unkonzentrierten, hyperaktiven oder impulsiven Kinder" und "Ich bin auch nicht grundsätzlich dagegen, Kindern unter bestimmten Voraussetzungen Medikamente zu geben." Diese ambivalente Argumentationsweise ist nachvollziehbar vor dem Hintergrund eigener Erlebnisse des Autors: Armstrong berichtet einerseits, dass sein Vater, der Kinderarzt war und aufgrund von Angst und Depression vom Psychiater verordnete Psychopharmaka einnahm, erst durch das Absetzen der Medikamente zurück in seinen Beruf fand und einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität verbuchte. Andererseits berichtet er, dass ihm selbst ein Antidepressivum im Rahmen von Schlafstörungen in Verbindung mit Angstzuständen und Depression gut half. Er machte also im Gegensatz zu seinem Vater "eine sehr positive Erfahrung mit der Einnahme von Psychopharmaka". Weiter schreibt er: "Die kognitive Dissonanz zwischen meiner eigenen positiven und der negativen Erfahrung meines Vaters mit psychotropen Medikamenten hat in mir den größten Teil der Energie mobilisiert, die ich brauchte, um das vorliegende Buch schreiben zu können. Bei meinem Vater habe ich miterlebt, was passieren kann, wenn Medikamente als einzige Lösung komplexer Probleme angesehen werden, und in meinem eigenen Leben habe ich die segensreiche Wirkung von Psychopharmaka erfahren. Deshalb kann ich mich nicht mit denjenigen identifizieren, die sich für mein Buch interessieren, weil sie der verallgemeinernden Sicht anhängen, Ritalin vergifte den Geist ihrer Kinder. Psychopharmaka sind ein Therapiemittel unter vielen, und sie können in manchen Fällen und in Verbindung mit nichtmedikamentösen Ansätzen durchaus nützlich sein".
Einen extremen Ton das Vorwort der deutschen Ausgabe an: Vera Birkenbihl verkündet, dass "es nicht angehen kann, wenn wir ein stetig wachsendes ‚Heer' an kleinen braven ‚Ritalin-Soldaten' heranziehen." Unsachlicher geht es wohl kaum. Armstrong weist berechtigterweise darauf hin, dass in der Diskussion um ADHS die Gefahr besteht, einem biologischen Reduktionismus zu erliegen, demzufolge "die Wirklichkeit nichts weiter ist als eine Ansammlung von Genen, Neuronen und chemischen Stoffen". Ihn "besorgt die allgemeine Tendenz der medizinischen Perspektive, immer größere Bereiche unseres Lebens als Probleme oder gar als Störungen zu definieren". Unterstützenswert ist seine Forderung, uns intensiver zu bemühen, das "positive Potential dieser Kinder zu erkennen" und einen angemessenen Teil unseres "gewaltigen Forschungsbudgets auf die Erforschung der Stärken, Talente, Fähigkeiten und der besonderen Intelligenz" zu verwenden. Dann wieder schreibt er, dass ADHS "eine Erfindung, die hauptsächlich in den Laboratorien für kognitive Psychologie der Universitäten unseres Landes (und Kanadas) entstanden ist und anschließend durch die American Psychiatric Association, das U. S. Department of Education und die chemischen Laboratorien großer pharmazeutischer Unternehmen auf der ganzen Welt verbreitet und zum Leben erweckt wurde" ist und: "Das Märchen vom ADHS-Kind ist als Gegengift zum Konvervatismus der Weltanschauung von ADHS-Gläubigen gedacht."
Dennoch enthält das Buch in den weiteren Kapiteln eine Fülle wichtiger Informationen und Denkansätze, etwa zur Unschärfe der diagnostischen Grenzen und zu Veränderungen in unserer Gesellschaft, die der Entstehung von ADHS-Symptomen förderlich sind.
Erstaunlich sachlich fällt das Kapitel über Medikamente aus. Leider wurde in der deutschen Übersetzung dieses Elternratgebers versäumt, die Handelsnamen der Präparate dem deutschen Markt anzupassen. Sehr ablehnend äußert sich Armstrong gegenüber auf Belohnungen basierende Verhaltensmodifikationsprogrammen: Äußere Belohnungen seien der sicherste Weg zur Verringerung intrinsischer Motivation.
Die "50 Strategien, die Verhalten und Aufmerksamkeitsspanne Ihres Kindes verbessern" teilt Armstrong in kognitive, edukative, soziale, psychologische, ökologische physische und Verhaltensansätze ein. Er behauptet, dass er bei der Auswahl generell alle Methoden gemieden habe, deren "Wirksamkeit nicht überzeugend belegt ist", um dann gleich als erste Maßnahme vorzuschlagen: "Sorgen Sie für ein ausgewogenes Frühstück", und als zweite: "Denken Sie über einen Versuch mit der Feingold-Diät nach". Es folgen allgemeine Weisheiten wie "Beschränken Sie die Zeit für Fernsehen und Videospiele" und "Sorgen Sie für sich selbst", aber auch spezifischer auf das Thema eingehende Vorschläge wie "Die heilsame Wirkung der Selbstinstruktion", "Geben Sie Anweisungen so, dass die Aufmerksamkeit Ihres Kindes gefesselt wird", "Bringen Sie Ihrem Kind Fokussierungstechniken bei" und "Setzen Sie Auszeiten auf positive Weise ein".
Insgesamt bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Die immer wieder aufleuchtende reißerische Entweder/Oder-Polemik, die durch die nicht immer präzise Übersetzung ins Deutsche und das deutsche Vorwort noch verstärkt wird, mag 1995 noch dem Stand der Diskussion entsprochen haben, sie passt jedoch nicht in die heutige Zeit, in der ein ‚sowohl - als auch'-Ansatz den state of the art darstellt. Andererseits sind soziale Aspekte hinsichtlich Entstehung, Betrachtung und Handlungskonzepten bei ADHS im wissenschaftlichen Mainstream derzeit eher unterrepräsentiert, und hier fasst das Buch eine Menge Hypothesen und Studienergebnisse zusammen. Beeindruckend für einen Elternratgeber ist auch die lange Liste an Referenzliteratur. Nützlich mag das Buch zudem für entschiedene ADHS-Gegner sein, denn einige der vorgeschlagenen Möglichkeiten zur Verbesserung des kindlichen Verhaltens sind durchaus praktikabel.

Ingo Spitczok von Brisinski, Viersen