Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 1 - 2003

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2003

Attributionen: Psychologie der Zuschreibungen bei ADHS

Bernhard Klasen

Sicherlich haben Sie sich bereits schon einmal gefragt, warum es beim Thema ADHS folgende Phänomene gibt:

  • Bei Auseinandersetzungen von Eltern mit ihren betroffenen Kindern meinen Außenstehende häufig, der Erwachsene verursache die Auseinandersetzungen. (Akteur - Beobachter - Effekt, personenbezogene Attribution, eine Erläuterung dieser Bezeichnungen erfolgt weiter unten) Es liege an der mangelhaften Erziehung durch die Eltern, an der chaotischen Lebensführung der Eltern, an der Hysterie der Eltern.
  • Betroffene Eltern bemerken im Umgang mit dem Kind eher widrige Umstände: Ungünstiges Lehrerverhalten, Freunde des Kindes haben einen schlechten Einfluss, das Kind hat einen schlechten Tag, der Lehrer ist Alkoholiker, der Ehepartner hat eine schlechte Beziehung zum Kind: Diese Aussagen weisen auf den Akteur - Beobachter - Effekt (externale Attribution) hin.
  • Warum sehen Lehrer und Therapeuten offenkundige eigene Fehler nicht? (Akteur - Beobachter - Effekt, externale Attribution, Therapeut und Lehrer als Akteur)
  • Warum sehen Eltern offenkundige eigene Fehler nicht? (Akteur - Beobachter - Effekt (externale Attribution, Eltern als Akteure))
  • Warum wird bei Problemen im Unterricht so auf meinem Kind herumgehackt, anstelle die Situation zu verändern? (fundamentaler Attributionsfehler durch Lehrer, Attribution des Lehrers auf die Person 'Schüler')
  • Immer, wenn ich von die Gabe von Stimulantien anspreche, wird mir unterstellt, ich gäbe mir in der Erziehung des Kindes zu wenig Mühe. (logischer Fehler)
  • Warum redet mein Therapeut, Berater, Lehrer immer nur von mir und meiner Beziehung zum Kind? (Fokussierung auf einen Teil)
  • Warum drängen sich manche Personen mit extremen Ansichten in den Internetforen so in den Mittelpunkt? (Selbstdarstellung, Selbstwertstützung)

Es soll nun der Begriff der 'Attribution' geklärt und anhand weiterer Beispiele erläutert werden. Typische Fehler des Attribuierens werden anschließend benannt, die Darstellung mündet in praktischen Hinweisen zur Überwindung dieser Fehler.

Was sind Attributionen?

Bedenkenswerte Beiträge zu diesen Fragen liefern die psychologischen Attributionstheorien. Das sind Theorien, die erklären, warum und in welcher Form Menschen Zuschreibungen machen.

Attributionen sind Zuschreibungen; sie sind subjektive Theorien über Zusammenhänge: Ursachen, Eigenschaften, Grad der Beeinflussbarkeit usw. Sie dienen der Strukturierung der Welt, um sich in ihr zurecht finden zu können, um sie beherrschbar zu machen, um über sich und andere urteilen zu können oder um Entscheidungen begründen zu können. Sie sind Bewertungs- und Kategorisierungsprozesse. Attributionen und Attributionsfehler sind normale psychische Vorgänge.

Attribuieren kann man in den verschiedensten Bereichen: Man stellt Vermutungen an über Ursachen (Kausalattributionen), über Persönlichkeitseigenschaften, über die Absicht einer Handlung, über die Stabilität und Spezifität einer Eigenschaft. So fragen wir uns, warum hyperaktive Kinder so handeln, wie sie handeln. Warum schreiben sie zu Hause ein Diktat fehlerlos, in der Schule mit 10 Fehlern? Warum reißen sie sich nicht zusammen, obwohl sie wissen, dass sie sich durch oppositionelles Verhalten selbst schaden? Liegen die Verhaltensstörungen an mir, an meiner schlechten Erziehung? Warum ist mein Sohn so unpünktlich? Warum rege ich mich immer so auf, obwohl ich weiß, ich sollte ruhiger werden?

Es sollen hier keine theoretischen Attributionsmodelle vorgestellt werden. Einführend werden sie z. B bei Fischer (2002) oder Six (1983) dargestellt.

Bei hyperaktiven Kindern finden Zuschreibungen zuhauf statt. Sie tragen zu den polarisierten Diskussionen bei, wie sie derzeit geführt werden: Wird ADHS zu viel oder zu wenig diagnostiziert (Stichwort 'Modediagnose ADS')? Sind Stimulantien eine angemessene Therapie? Im Folgenden soll nun das Prinzip der Attribution beschrieben werden:

  • Zuschreibungen bzgl. der Ursache des ADHS (sog. Kausalattributionen): Das Feld der in der Öffentlichkeit diskutierten oder ins Gespräch gebrachten Ursachen ist unüberschaubar: Genetische Faktoren - Störung der Neurotransmitterverfügbarkeit - Irregularitäten der Durchblutung bestimmter Hirnareale - soziale Faktoren - erworbene Faktoren (Embryonale Schädigung des Kindes) - Minimale cerebrale Dysfunktion - Ernährung - unbewusste frühkindliche Konflikte - familiäre Beziehungsstörungen - Bindungsstörungen - ungünstige Verstärkungsprozesse - Sternzeichen - Wasseradern - übermäßiger Fernsehkonsum - Reizüberflutung - Erziehungsfehler - Schicksal - Flüche / Hexerei - Karma - absichtliche Provokation - geschickter Schachzug der Pharmaindustrie - Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ärzte oder Psychotherapeuten - Ablenken von elterlichen Problemen - zu wenig Freiraum - zu wenig Grenzen.
  • Zuschreibungen von Personenfaktoren wie Anstrengungsbereitschaft, Fähigkeiten und Handlungsmotive, z.B. das absichtliche Zeigen von Problemverhalten, Lernstörungen, Konzentrationsstörungen: Kindern wird häufig 'Absicht' zugeschrieben, so z.B. bei Rechtschreibschwäche ("zu Hause kann er das Diktat so gut, in der Schule konzentriert er sich nicht genug"), bzgl. der Konzentration im Unterricht (Zeugnisbemerkung: "Kevin muss sich im Unterricht mehr konzentrieren" im Sinne von willkürlicher Beeinflussbarkeit der Konzentration) und bei Impulsivität ("er will mich provozieren").
  • Zuschreibungen bzgl. einer angemessenen Therapie des ADHS: Die Zahl der angebotenen Therapien steht der Zahl der ins Gespräch gebrachten Ursachen in nichts nach: Verhaltenstherapie, Medikamente, Psychoanalyse, Familientherapie, Algen, Mineralienpräparate, Gebete, Austoben lassen, enge Grenzen setzen, Massagen der oberen Wirbelsäule, stationäre Aufnahme in Kliniken oder Heimen, Prügelstrafe, Fernsehverbot, Diäten, Geistheilung, Entspannung, ganzheitliche vs. spezifische Maßnahmen, konventionelle vs. alternative Methoden, die Eltern sind gefordert vs. die Schule ist gefordert vs. der Staat ist gefordert vs. wir alle sind gefordert ...
  • Zuschreibungen bzgl. des Charakters des Kindes und seiner Eltern: "Kevin ist ein verzogenes Kind", "Die Eltern sind chaotisch, psychisch auffällig"
  • Zuschreibungen bzgl. der Veränderungsmöglichkeit (Stabilität vs. Labilität der Eigenschaft) "Der Junge ist furchtbar, er wird ein Psychopath werden" vs. "Medikamente helfen schnell"
  • Zuschreibungen über das Ausmaß der Störung (Globalität vs. Spezifität): "Das Kind hat einen furchtbaren Charakter" vs. "Es ist eine Störung der exekutiven Funktionen".

Attributionen sind somit Theorien im Alltagsleben. Diese Theorien sind oft ungeprüft, sie werden akzeptiert, wenn sie plausibel sind und logisch 'klingen'. Welche Attributionen jemand vornimmt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Es gibt alltägliche Attributionsfehler, die zu wenig hinterfragt werden. Attributionen sind Folge der Lebenserfahrung und des Wissens der Person. Sie können Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein, z.B. bei depressiven Zuschreibungen. Sie sind zuweilen Ausdruck von Weltanschauungen, aber auch von Werte- und von Glaubenssystemen. Letztere weisen darauf hin, daß Attributionsfehler außerordentlich informationsresistent sein können.

Das Verständnis der Attribution ermöglicht es, die heftig geführten Diskussionen über Ursache, Krankheitswert und Interventionsmöglichkeiten bei ADHS zu verstehen, und sich von dem Schlagabtausch zu distanzieren.

Die Auseinandersetzungen spielen sich nicht nur auf einer Dimension ab. Es geht nicht nur um konventionelle vs. alternative Ansätze. Wie dargelegt, ist es komplizierter. Es lassen sich bereits vier Dimensionen aufspannen: Kausalität, Umfang (global vs. spezifisch), Stabilität (stabil vs. labil), Beeinflussbarkeit im Sinne des ‚locus of control' (Rotter, 1954). Hinzu kommen vielfältige Interventionsmöglichkeiten. Diese Kontrollüberzeugung gibt an, ob man glaubt, wichtige Ereignisse kontrollieren zu können (internale Kontrollüberzeugung) oder nicht (externale Kontrollüberzeugung).

Da die Kausalität nicht eindimensional ist, sondern multifaktoriell; ebenso, wie die therapeutischen Ansätze, erscheint die Zahl der Attributionsdimensionen sehr groß. Dies erschwert es, in Diskussionen den Weg zueinander zu finden. Bewegte man sich nur auf einer Dimension (z. B. Anlage - Umwelt), so könnte man sicher schnell zu Kompromissen finden. Es lassen sich jedoch viele Dimensionen möglicher Attributionsunterschiede aufspannen, und man wird zu schnell verleitet, die Argumentationsebenen (Dimensionen) zu wechseln. Zudem wird in diesem komplexen Durcheinander eine Annäherung nicht so leicht erkannt, wenn man die Dimensionen in den emotionalen Auseinandersetzungen nicht sauber trennen kann.

Welche Attributionsfehler gibt es in der Beschäftigung mit ADHS?

  • Der fundamentale Attributionsfehler: Menschen neigen dazu, Ursachen für Ereignisse auf Personen zu attribuieren und nicht auf situative Bedingungen. So wird, bei störendem Verhalten, Kindern oft Absicht unterstellt. Wir attribuieren häufiger Unfälle auf die Schuld eines Fahrers als auf Wetter- und Straßenbedingungen, Arbeitslosigkeit wird eher der Faulheit zugeschrieben, als auf die wirtschaftliche Lage.
  • Personen suchen oft die Bestätigung ihrer eigenen Hypothesen, anstatt einen Kanon alternativer Hypothesen zu durchlaufen: Dies ist z.B. bei Ideologien der Fall. Wer Krankheit als Strafe Gottes versteht, und Gottgegebenes nicht verändert werden darf, dann hat das einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Forschungsbefunden und die Therapie des ADHS. Ebenso ist hier das rigide Vertreten einzelner psychotherapeutische Schulen zu nennen.
  • Selbstwertstützung (self-serving-bias): Fehlerhafte Attributionen können dem Selbstwert dienen, wenn die Ursache für Verhaltensstörungen bei Anderen gesucht wird und nicht bei einem selbst. Dies kann sich nun so äußern, dass Lehrer die Schuld bei Eltern suchen, Eltern auf die Schule schimpfen, Therapeuten bei zu geringen therapeutischen Effekten mangelnde Kooperation der Schule und der Eltern bescheinigen. Dies alles dient letztlich der Aufrechterhaltung und Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls, oder das Vermeiden des Erkennens der eigenen Fehlerhaftigkeit.
  • Selbstdarstellung: Es ist nicht zu verkennen, dass manche extreme Positionen in erster Linie der Selbstdarstellung dienen. Entsprechende Personen erhalten ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, welches wohl der Stützung des eigenen Selbstwertes dient.
  • Symptomatisch: Zuschreibungsfehler können auch Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein. Bei depressiven Erkrankungen sind die Zuschreibungen negativ: Man selbst ist die Ursache für das Negative, das Negative ist nicht veränderbar, das Negative hat einen erheblichen Einfluss auf einen Selbst und / oder Andere.
  • Die Aufmerksamkeit ist nur auf einen Teil gerichtet: Sehr häufig finden sich Konzentrationen auf einzelne Aspekte der meist komplexen Problematik: Eltern - Kind - Beziehungsstörungen, Kommunikationsstörungen, unzureichende Verstärkung angemessenen Verhaltens, Auftauchen dysfunktionaler Kognitionen usw. Fokussiert man nur auf isolierte Aspekte, so erliegt man schnell der Verwechslung von Kausalität und Korrelation, bzw. der Annahme eines vorschnellen Ursache - Wirkungsgefüges.
  • Der Akteur - Beobachter - Effekt: Ein Beobachter schreibt einer Handlung andere Ursachen zu als der Handelnde selbst. Während der Beobachter eher auf die Person hin urteilt, sind dem Akteur die Umweltfaktoren bewusster. Für den Beobachter hebt sich das Handeln des Akteurs vor einem Hintergrund ab. Während im Ablauf der Handlung der Akteur seine Aufmerksamkeit auf die Objekte oder Personen der Handlung richtet. Wird dem Beobachter die Akteurperspektive, und dem Akteur seine Handlung auf Video vorgeführt, so kann die Perspektive leichter getauscht werden.

Erinnern Sie sich, wann ein Kellner Sie das letzte Mal unhöflich bedient hat. In dieser Situation werden Sie sicherlich gedacht haben "Das ist eine unfreundliche Person". Sie haben also eine internale Attribution auf stabile Persönlichkeitsmerkmale des Kellners gemacht. Wann sind Sie zum letzten Mal zu einer Person gereizt oder aggressiv geworden? Wie erklären Sie sich dies? Sicherlich werden Sie es eher auf externale Faktoren wie Zeitdruck oder Stress zurückführen als auf Ihre Persönlichkeit. Diese Tendenz zu dispositionalen vs. situationalen Attributionen in Abhängigkeit von unserer Rolle als Beobachter vs. Handelnder bezeichnet man als den 'Akteur-Beobachter Effekt'.

  • Logischer Fehler: Oft finden unzulässige Verknüpfungen statt. Beispiel: Wer von einer genetischen Disposition der ADHS ausgeht, gibt seinen Kindern Stimulantien. Oder: Wer seinen Kindern Medikamente gibt, bemüht sich nicht um angemessene Erziehung seiner Kinder ...
  • Der falsche Konsensus - Effekt: "Hier wird das eigene Handeln als weit verbreitet und normkonform angesehen, während die Handlungen anderer als unangemessen und außergewöhnlich beurteilt werden." (Six, S. 130) Er wird durch subjektive Gruppenzuordnungen genährt: Ich als Sozialpädagoge, Heilpraktiker, Körpertherapeut, Arzt, Psychotherapeut usw.
  • Die Annahme von Scheinkorrelationen: (Lottospielen, Astrologie, Glücksbringer) Hier sind besonders esoterische Erklärungsansätze zu nennen: ADHS als Folge von Wasseradern, Energieflüssen, Sternkonstellationen, aber auch viele ernährungsbezogenen Ansätze, ... Gerade bei zufälligem gleichzeitigem Auftreten kann die Scheinkorrelation sehr stabil werden, was dann als intermittierende Verstärkung der Attribution gesehen werden kann.
  • Verwechslung von Korrelation und Kausalität: Wenn ich mit der Hand in Feuer fasse und ich mich verbrenne, ist die Kausalität klar. Wie ist es aber mit dem Rückgang der Zahl der Störche und dem Geburtenrückgang? Hier haben wir eine Korrelation, aber keine Kausalität: Das Eine ist nicht die Ursache des Anderen! So findet sich häufig in Familien mit hyperkinetischen Kindern auch bei mind. einem Elternteil eine ADHS - Symptomatik. Diese äußert sich zuweilen in Planungs- und Organisationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit, Unpünktlichkeit etc. Von außenstehenden Personen, werden diese Familien zuweilen als chaotisch bezeichnet. Oftmals wird von der ADHS - Symptomatik der Eltern auf Erziehungsfehler geschlossen, aus denen wiederum Verhaltensstörungen der Kinder resultieren. Und das ist vermutlich ein Trugschluss. Aus meiner Sicht lässt sich eine Erklärung der familiären Besonderheiten mithilfe genetischer Fakten (Vererbung) besonders gut leisten. Die Verwechslung von Korrelation und Kausalität liegt manchmal nahe, wenn es eine gut klingende Erklärung für die Kausalität gibt. Kausalitäten sind nur sehr schwer nachzuweisen und bedürfen einer streng experimentellen Untersuchung: A ist nur dann die Ursache für B, wenn eine willkürliche Veränderung von A stets zu einer Veränderung von B führt. Dabei ist auszuschließen, dass A nur über eine Dritte Variable auf B wirkt, oder dass Beides gleichzeitig von einer dritten Variablen beeinflusst wird. Schließlich darf A keine Teilmenge von B sein, in diesem Fall hätten wir nur eine künstliche Korrelation (Weitere Informationen bei Kraemer, 2001).

Das Streben nach Erklärungen, nach Kontrolle und Struktur, führt zum Streben nach Einfachheit. Fischer (2002) spricht vom Menschen als 'kognitiven Geizkragen', der einfachen Erklärungen den Vorzug gibt. Dies ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, in einer Welt, die sich durch zunehmende Technisierung und Komplexität auszeichnet; es wird oft ausgenutzt. Einfache Erklärungsmodelle, die zudem schnelle Heilung ohne Nebenwirkungen versprechen, befriedigen dieses Bedürfnis in exzellenter Weise. Sie arbeiten mit scheinbar logischen Attributionen, Misserfolge werden stets den Betroffenen zugeschrieben, oder es wird angeführt, es handele sich um eine seltene Ausnahme. Die Betroffenen bleiben jedoch auf der Strecke! Das Streben nach Einfachheit findet sich auch im vorschnellen Ausschluss von Erklärungsmöglichkeiten: Es gibt keine genetische Disposition, es gibt kein ADHS...

Attributionen vermitteln das Gefühl, Kontrolle zu haben, weil Zusammenhänge erkannt werden. Dies verleiht Macht. Hier wird es schwierig, Attributionen in Frage zu stellen. Denn das Infragestellen von Kontrolle und Macht stößt zumeist auf erbitterten Widerstand.

Es ist vermutlich nicht möglich, nicht zu attribuieren. Es werden selbst unbelebten Gegenständen Motive unterstellt. Der Computer, der abstürzt, will uns ärgern.

Wie kann man Attributionsfehler überwinden?

Attributionsfehler passieren im menschlichen Alltag immer wieder. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Komplex 'ADHS' führen Attributionsfehler zu Schuldzuweisungen und unangemessenen therapeutischen Angeboten. Sie lösen oft heftige emotionale Auseinandersetzungen aus, die einer Weiterentwicklung im Dienste der Betroffenen im Wege stehen. Das Erarbeiten eines gemeinsames Störungskonzeptes wird verhindert. Wie ich aufzeigte, werden Attributionsfehler durch einfache Mechanismen genährt, wie auch durch komplexe psychische Vorgänge. Eine einfache Lösung des Problems fehlerhafter Attributionen wird es nicht geben, es kann jedoch jeder selbst für seine Einstellungen die Verantwortung übernehmen. Veränderungen lassen sich folgendermaßen bewirken:

  • Seien Sie selbstkritisch und hinterfragen Sie Ihre eigenen Bewertungen bzgl. der Problematik
  • Informieren Sie sich, ob empirische Daten zu Ihren Überzeugungen existieren. Bleiben Sie informiert bzgl. ADHS! Information beugt Attributionsfehlern vor. Setzen Sie sich auch mit dissonanten Forschungsergebnissen auseinander!
  • Prüfen Sie sich kritisch, ob Ihre Überzeugungen bei der Lösung des Problems in der Realität helfen. Orientieren Sie sich bei der Überprüfung an konkreten sichtbaren Verhaltensänderungen. Geben Sie sich nicht mit nur verbalen Äußerungen zufrieden. "Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, dann steige ab!"
  • Sehen Sie die ‚Ursache' für das Scheitern von Maßnahmen nur bei Anderen? Dies ist ein Hinweis auf einen ernsthaften Zuschreibungsfehler.
  • Achten Sie auf diese Attributionsfehler: Bei sich selbst macht man eher die Umwelt verantwortlich (external), wenn man andere beobachtet: Die handelnde Person wird verantwortlich gemacht. Typisch ist: Die Therapie eines Jungen ist nicht erfolgreich verlaufen. Der Therapeut selbst attribuiert external, beobachtet man die Mutter-Kind-Interaktion, so macht man das Fehlverhalten der Mutter für den mangelnden Therapieerfolg verantwortlich. (Attribution auf die Person)
  • Suchen Sie die Supervision, bzw. den ehrlichen Austausch mit Kollegen.
  • Misstrauen Sie einfachen Modellen. Die Ursachen und Therapien sind komplex und nicht einfach zu verstehen.
  • Gestatten Sie es, dass viele Fragen derzeit ungeklärt sind, und dass es kontroverse Ansichten zur Thematik gibt.
  • Gestatten Sie es jedoch nicht, wenn Betroffenen evidenzbasierte wirksame Behandlungsmethoden vorenthalten werden oder wenn Eltern die ‚Schuld' an den Problemen der Kinder gegeben wird. Das ist unverantwortlich und vergrößert das Leid der Betroffenen!

Anschrift des Verfassers

Dipl.-Psych. Bernhard Klasen
Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
Nordwall 2
57439 Attendorn
Tel.:0 27 61 - 95 97 77 Fax: 0 27 22 - 95 97 78
e-mail: Bernhard.Klasen@online.de

Literatur

  • Fischer, L.: Grundlagen der Sozialpsychologie. München, Wien. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. 2002. Kapitel 10: Attributionsprozesse
  • Hansen, R.D.: Commonsense. Journal of Personality and Social Psychology. 1980, 39, 996-1009
  • Kraemer et al: How Do Risk Factors Work together? American Journal of Psychiatry. 2001. 158(6), 848 - 856
  • Rotter, J.B.: Social Learning and Clinical Psychology. Englewood Cliffs. N.J.: Prentice - Hall, 1954.
  • Six, Bernd: Attribution. In: Frey, D. & Greif, S. (Hrgb.): Sozialpsychologie: Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. München: Urban & Schwarzenberg. 1983, 122 - 135