Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und PsychotherapieHeft 1 - 2003BuchrezensionSerge Tisseron: Phänomen Scham - Psychoanalyse eines sozialen Affektes "Der Unverständige begegnet dem Nächsten verächtlich, der einsichtige Mann aber schweigt..." Serge Tisseron widmet sich mit Fleiß der Psychoanalyse der Scham. In seinem psychoanalytischen Theorieansätzen weist er darauf hin, dass Freud sich nur angedeutet mit der Thematik befasste, vielleicht Ausdruck der persönlichen Biographie des großen Lehrmeisters. Die verborgene Theorie der Scham-Arbeit bei Freud arbeitet Octave Mannoni intelligent heraus. Sorgfältigere Recherchen findet Serge Tisseron in der ungarischen Psychoanalyse bei Sandor Ferenczi und Imre Hermann. In der amerikanischen Psychoanalyse wird die Scham als sozialer Affekt dargestellt, in der französischen stehen Analität und Ideal-Ich im Zentrum. * Anm.: Die Zitate von L. Wurmser ("Die Maske der Scham" S.89) wurden von mir übernommen. In dem Kapitel zur Untersuchung schamerzeugender Situationen widmet Tisseron sich Extremsituationen wie KZ-Haft, Folter, Gewalt in der Familie, sexueller Missbrauch. Aufschlussreich ist der generationsübergreifende Aspekt der Scham (Familiengeheimnisse, kollektive Ächtung, unsagbare Ereignisse aus vorangegangenen Generationen). Welche Abwehrmechanismen spielen im Umgang mit der Scham eine Rolle? Bearbeitet werden Resignation, Ehrgeiz, Verneinung und Verleugnung, Projektion und projektive Identifikation, Schuldgefühl (die psychische Geschichte), das Schuldigfühlen (die soziale Geschichte), Humor (hier wird sehr schön dargestellt wie Charly Chaplin in seinen Filmen die Scham aus Armut bearbeitet). Die Lektüre des Buches sensibilisiert für die Scham in der psychotherapeutischen Praxis. Dabei spielt in der Therapie das Einführen von Metaphern und bildlichen Vergleichen eine besondere Rolle, da durch die alles blockierende Scham die Phantasietätigkeit nicht leicht wiederherzustellen ist. "Phänomen Scham" ist eine interessante Übersicht, aber keine Alternative zu Wurmsers "Maske der Scham". "Phänomen Scham" wirkt auf mich stellenweise theorieüberfrachtet, vermittelt nicht die Freude am Lesen, Erkennen, Einsehen und Reflektieren wie "Die Maske der Scham". Ute Paporisz |