Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und PsychotherapieHeft 4 - 2003 Methodenübergreifende ambulante Gruppenpsychotherapie für Jugendliche mit unterschiedlichen Störungen und StörungsniveausAnna-Maria Sant’Unione & Matthias Wildermuth "Denn das innerste Wachstum des Selbst vollzieht sich nicht,
wie man heute gern meint,
aus dem Verhältnis des Menschen zu sich selber, sondern aus dem
zwischen dem Einen und dem
Anderen." Martin
Buber 1965 Vorbemerkungen: Gruppenpsychotherapie
wird in Deutschland in mannigfaltiger
Form praktiziert. In der stationären Behandlungspraxis ist die Gruppenpsychotherapie
eine Standardmethode. Für
die ambulante gruppenpsychotherapeutische Praxis sieht es momentan eher
schlecht aus. Sowohl die abfallende Honorierung der Sitzung, der Aufwand für
die Zusammenstellung der Gruppe und der Kassenanträge einerseits, wie auch die
fachliche Herausforderung und der personelle Aufwand andererseits, sind
mögliche Gründe für die stetig sinkende Antragszahl sowohl bei analytischen
und tiefenpsychologisch fundierten wie auch bei verhaltenstherapeutischen
Anträgen (Enke 1998). Vielerorts
wird als Erklärung für die geringe Beliebtheit der Gruppenpsychotherapie
angeführt, dass sich Patienten heutzutage nicht gerne in Gruppen behandeln
lassen und das Einzelbehandlungssetting bevorzugen. "An
die Stelle der Hoffnung gemeinsamer Emanzipation in Gruppenprojekten trat das
Interesse an stärkerer Individualisierung. Das Lernziel hieß bald nicht mehr
Solidarität, sondern neuerdings individuelle Selbstverwirklichung. Nicht mehr,
sondern weniger soziale Nähe schien den narzißtischen Bedürfnissen am zuträglichsten."
(Richter 1999). Auch
die Forschung in der Gruppenpsychotherapie scheint eine gewisse
Vernachlässigung zu erfahren. Eine neuere Analyse kontrollierter Studien zum
Wirkungsvergleich von Einzel- und Gruppenpsychotherapie erbringt jedoch eine
vergleichbare Effektivität für beide Settings (Tschuschke 1999). Ein Grund für
die relativ geringe empirische Forschung in der Gruppenpsychotherapie liegt wahrscheinlich
in der Komplexität des Untersuchungsgegen-standes (Tschuschke 2001). Die
Ökonomie der Gruppenbehandlung wurde in großen retrospektiven Studien
untersucht (Heinzel et al. 1998). Anhand dieser retrospektiven Befunde wäre
Gruppenpsychotherapie nicht nur mindestens gleich effektiv wie Einzelbehandlung,
sie wäre auch wesentlich kosteneffezienter. Davon
ausgehend, dass sich psychosoziale Gesundheit nur über die Erfahrung und den
Austausch mit wichtigen anderen Menschen entwickeln kann, entstand folgende
Fragestellung: "Können Jugendliche von der Gruppenpsychotherapie problem-
und entwicklungsspezifisch profitieren?" Dieser
Frage soll später durch eine offene
Prozessbeschreibung in der psychotherapeutischen Gruppe nachgegangen werden. Ziele der Gruppenpsychotherapie sind: Verbesserung der
Versprachlichungs-, Kommunikations- und Triangulierungsfähigkeit,
Alltagsbewältigung, Symptomreduktion, Verbesserung von Konfliktbewältigungstrategien
und der Beziehungsfähigkeit. Spezifika der Adoleszenz: Die
Adoleszenz entspricht etwa einer Brückenzeit, welche für den Übergang von der
Kindheit zum Erwachsenensein gebraucht wird. Die Geschlechtsreife wird erreicht
(Pubertät), ein
zweiter Individuationsvorgang wird in wenigen Jahren durchlaufen und
abgeschlossen (Adoleszenz). Aufgaben
der Adoleszenz sind: die Ablösung, d.h., eine kritische Distanzierung von den
Liebesobjekten in der Kindheit, die Verankerung in der Gruppe der
Gleichaltrigen, die Neustrukturierung
der Beziehung zu den Eltern und den Geschwistern, die Bildung der eigenen
psychosozialen und sexuellen Identität, das Erleben von Selbstwirksamkeit
sowohl innerhalb der Familie, als auch in der Außenwelt. Jugendliche
schwanken zwischen Gegensatzpaaren, wie Progression und Regression, Starrheit
und Flexibilität, Narzißmus und Objektbeziehung, Vergangenheits- oder
Zukunftsperspektiven, Autonomie und Abhängigkeit. "Man spricht von einer
physiologischen gesteigerten narzißtischen Selbstüberschätzung, mit der ein
fragiles Selbsterleben mit hochliegenden Ambitionen, Abwertungen, Idealisierungen,
verstärkter Kränkbarkeit und Wuterleben verknüpft ist." (Resch 1995). Der
gesteigerte Narzissmus des Jugendlichen scheint eine protektive Funktion zu
übernehmen. Ein
weiterer physiologischer, je nach Ausprägung, aber auch pathologischer Aspekt
der Adoleszenz ist das Agieren. Entwicklungspsychologisch betrachtet ist das
Agieren der Adoleszenten, auch als "acting out" bekannt, genauso
spezifisch wie die Spieltätigkeit des Kindes und die direkte sprachliche
Kommunikation der Erwachsenen. Positiv betrachtet ist das Agieren eine
handelnde Selbstinszenierung, die einen Zugang zum intrapsychischen, später zum
interpsychischen Geschehen schaffen kann. Klüwer spricht von einem
Handlungsdialog, der dadurch zwischen Therapeuten und Jugendlichen entstehen
kann. Spezifika in der ambulanten
psychotherapeutischen Behandlung adoleszenter Patienten: Jugendliche,
die eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie erstmalig
betreten, werden in aller Regel entweder von den Eltern oder von Erziehern
begleitet und haben oft zumindest vordergründig kein eigenes Anliegen, das sie
dem Arzt oder dem Therapeuten gegenüber
benennen könnten. Viele Jugendliche stehen dem Wort
"Jugendpsychiatrie" oder "Psychotherapie" skeptisch,
ängstlich oder feindselig gegenüber, äußern spontan, dass sie "keinen
Seelenklempner" brauchen, dass sie "nicht verrückt" sind, dass
"die Eltern eine Psychotherapie brauchen" oder dass "alle mich
nerven". Die Vorstellung in der kinder- und jugendpsychiatrischen/psychotherapeutischen
Praxis wird eher als Bevormundung oder als
Schikane, denn als hilfreich oder klärend empfunden. Wenige
Jugendliche, insbesondere Mädchen, kommen aus eigener Motivation und oft ohne
Wissen der Eltern in die Praxis. In diesem Fall suchen sie einen Ort, der ohne
Einmischung der Eltern vertrauensvoll für die Lösung eigener Problematiken
genutzt werden kann. In
anderen wenigen Fällen stehen Jugendliche, besonders männliche Jugendliche,
unter der Auflage eines Vormundes, des Jugendgerichtes oder des Jugendamtes,
eine kinder- und jugendpsychiatrische
Praxis aufzusuchen, um weitere Unterstützungen, z. Bsp. im Rahmen der
Jugendhilfe zu erhalten oder um strafrechtliche Konsequenzen zu vermeiden oder
abzumildern. Dies
führt dazu, dass bereits während der diagnostischen Phase, Unverbindlichkeit
und Berührungsängste entstehen. Termine werden "vergessen",
kurzfristig abgesagt oder inhaltlich boykottiert, dadurch, dass die
Jugendlichen zwar kommen, jedoch die Mitarbeit verweigern. Die für die
Adoleszenz charakteristische Betonung des Augenblickes erschwert noch
zusätzlich die Terminwahrnehmungen. Haben
Jugendliche den Widerstand gegenüber einer Klärung ihrer Problematik zumindest
teilweise überwunden und ein gegenseitiges Kennenlernen zugelassen und wird
eine Behandlungsindikation ausgesprochen, so kann sich der Widerstand gegenüber
einer Hilfestellung erneut erhöhen. In vielen Fällen, kann ein Behandlungssetting
dennoch gemeinsam erarbeitet werden, wenn sozusagen "am Widerstand
entlang" kleinschrittig vorgegangen wird und der Jugendliche sich nicht
festgehalten fühlt. Der
Wunsch nach einem einzeltherapeutischen Setting wird spontan häufiger geäußert,
als der Wunsch nach einer gruppentherapeutischem Behandlung, die meistens
nachträglich, wenn der Therapeut den Rahmen, die Inhalte und die Ziele der
Gruppenpsychotherapie erhellt hat, mit einer gewissen Neugierde
"ausprobiert" werden möchte. Die
Scham und die Unsicherheit mit und vor anderen zu reden, die Angst, abgelehnt
oder nicht gemocht zu werden, nicht für
die anderen hilfreich zu sein, stärkt den Wunsch, in der Vertrautheit und
Ausschließlichkeit einer Zweierbeziehung die eigene Problematik zu bewegen. Erst die Abwägung der möglichen
Solidarität durch die Gruppe und durch die Erfahrung, dass andere auch Probleme
haben, sowie die Erwartung einer vielleicht gelasseneren Atmosphäre, in der man
sich zurückziehen kann und auch andere arbeiten lassen kann und zuletzt der Wunsch andere kennenzulernen, motiviert
manche Jugendliche zu dem Versuch, zumindest probeweise in die Therapiegruppe
zu kommen. Gruppenpsychotherapie: Unterschiedliche Ansätze und Methoden
im historischen Zeitgeschehen Die
Frage, ob der Mensch nur im Subjekt, d.h. in sich selbst Gewissheit und
Wirklichkeit finden kann, oder ob der Mensch eher im Zwischenmenschlichen
Sicherheit und Realitätserfahrung entwickelt, bewegt seit Jahrhunderten sowohl
philosophisch als auch politisch, wie
auch soziologisch und psychotherapeutisch denkende Menschen. Als
Beispiel sei der Begriff des Solipsismus genannt, der einen durch Descartes
begründeten Standpunkt des extremen Subjektivismus bezeichnet, demnach das Ich
alleine erkennendes Bewusstsein enthält und alle andere "Iche", sowie
die ganze "Außenwelt" nur dessen Vorstellungen sind. Die
Begegnungsphilosophen des 20. Jahrhunderts wandten sich scharf gegen den Solipsismus. Das "Cogito,
ergo sum" von Descartes als Axiom der eigenen Selbstgewissheit wurde von
ihnen in Frage gestellt. Insbesondere Martin Buber hat sich mit der Frage
weiter beschäftigt, inwiefern das "Ich" erst in der Begegnung mit dem
"Du", in der Gegenseitigkeit einer konkreten menschlichen Beziehung
wird. Dabei ist für Buber das "Zwischen" ein Schlüsselbegriff. Die
eigentliche Wirklichkeit liegt zwischen
mir und dir. "Das
Selbst ist nicht etwas, das in uns ruht, und quasi entdeckt werden kann,
sondern es ist etwas Potenzielles, das entfaltet und differenziert werden
muss." "Das Selbst entfaltet sich in der Unterstützung, aber auch in
der Begrenzung und Provokation durch Bezugspersonen (Jörg Willi 1989). Jörg
Willi prägte den Begriff der Co-Evolution
als Kunst des gemeinsamen Wachsens, eine Kunst, die sich sowohl auf
Zweierbeziehungen wie auf Lebensgemeinschaften, Arbeitsteams und Gruppen
übertragen lässt, bis hin zur Koevolution verschiedener Staaten und Machtblöcke.
In
der Psychotherapie entstanden die ersten Versuche für die Behandlung für
Kranke, Sozialphänomene zu nutzen, bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts
(Pratt 1906). In
Gruppen wurden zuerst organisch erkrankte Patienten behandelt. In den Gruppen
sollte eine Kultur der Gleichen
ermöglicht werden, um die therapeutische Kraft in seiner Entstehung zu fördern Borrow
(1926) versuchte als erster Psychoanalytiker, psychoanalytische Prinzipien in
einer Gruppensituation anzuwenden. Es folgten Schilder (1928) und Wender
(1936). Kurt
Lewin (1947) und Jakob L. Moreno (1945) können als die zwei Persönlichkeiten
benannt werden, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die heutige
Wahrnehmung und Haltung menschlicher Gesellschaften grundlegend verändert
haben. Als dritte Persönlichkeit wird Carl. R. Rogers genannt. Die
Gruppenarbeit, die C. Rogers selbst "Die soziale Erfindung des
Jahrhunderts" nannte, hatte in den USA und einige Jahre später auch im
deutschen Sprachraum, besonders bei den Sozialarbeitern angefangen. Schon nach
dem ersten Weltkrieg verknüpfte er die Idee der Selbsthilfe mit dem Ideal in
kleinen Gruppen einen partnerschaftlichen Lebensstil zu finden. Fast
gleichzeitig mit den Sozialarbeitern hatten Therapeuten begonnen, ihre
Patienten in Gruppen zu behandeln, und dazu waren dann nach dem zweiten
Weltkrieg Gruppendynamiker gestoßen. Auch
die Gruppendynamik wurde in Amerika "erfunden", in einem Trainings-
und Forschungsseminar in Connecticut, bei denen es eigentlich um ein Gesetz zur
gerechten Behandlung Arbeitssuchender ging. In der Folge wurden Millionen von
Amerikanern trainiert, in den National Training Laboratories in Maine, in
unzähligen kleineren Growth Centers, in Schulen und Universitäten. Diese
Bewegung breitete sich nach Deutschland aus. Ende
der sechziger Jahre war die Zusammenarbeit zwischen Gruppenpsychotherapeuten
und Gruppendynamikern spannungsreich. Gemeinsam war beiden jedoch das Bemühen,
Einstellungen und Verhalten zu verändern, und nicht abstraktes Wissen zu
vermitteln. In der Sprache der Kommunikationstheorie: die Arbeit auf der Beziehungs-
nicht auf der Inhaltsebene. Auch von der politischen Seite her wurde die
Gruppenarbeit eher mit Skepsis beobachtet, als könnten dort oppositionelle, gar
militante Kräfte mobilisiert werden. Die
daraus resultierenden gruppenpsychotherapeutischen Konzepte sollen zumindest
kurz benannt werden: Die Puristen der psychoanalytischen
Gruppenpsychotherapie wie Slavson
(1957) und Wolf und Schwartz (1962) entwickelten eine Form der "Analyse
des Individuums in der Gruppe." Sigmund
H. Foulkes war ein weiterer legendärer Pionier der Gruppenpsychotherapieentwicklung.
Foulkes "Matrix" -Modell analytischer
Gruppenpsychotherapie, kann als Weiterentwicklung der Grundsätze der
Gestalttheorie gesehen werden. "Matrix" kann als Bezeichnung erklärt
werden für die " Gruppe als Gestalt ". Die
mittlerweile meistverbreiteten analytischen
Gruppenpsychotherapiekonzepte sind in Deutschland das "Göttinger Modell" von Heigl/Evers und
Heigl (1973), sowie weiterhin das o.g. Foulkes’sche " Matrixmodell
". Die
verhaltenstherapeutische
Gruppenpsychotherapie nahm ihre Anfänge um den Beginn der sechziger Jahre
des vergangenen Jahrhunderts (Rose 1993). Gewöhnlich arbeitete man in Gruppen
mit Patienten, die ähnliche Probleme aufwiesen. Die gruppendynamischen
interaktionellen Kräfte wurden in der Entwicklung der Verhaltenstherapie in der
Gruppe weitgehend vernachlässigt. Fiedler benennt heute zwei
verhaltenstherapeutische Grundkonzepte: 1.)
die
störungsspezifischen psychoedukativen Behandlungskonzepte 2.)
die zieloffene
Psychotherapiegruppe, für die die gruppengemeinsame Durchführung von
Problemanalysen und Therapieplanungen als wichtiges Charakteristikum angesehen
werden kann. Ein konzeptueller Gruppentherapieansatz, der gerade die interpersonale Ebene als
therapeutisches Spezifikum theoretisch und technisch berücksichtigt, ist die
"interpersonale Gruppenpsychotherapie" (Yalom 1995, Leszcz und Malat
2001). Das Modell der interpersonalen Gruppenpsychotherapie betont die zentrale
Bedeutung des Erreichens interpersonaler Anbindung und der Reduzierung interpersonaler
Angst als ein entwicklungsbegleitendes Vertrauen in der menschlichen Existenz. Der klientenzentrierte Gruppenansatz nahm seinen Anfang mit den Encountergruppen von C.
Rogers Mitte der sechziger Jahre. Die Gestaltgruppenpsychotherapie ist aus der Integration der Gestalttherapie von
Perls und Lewins Gruppendynamik hervorgegangen. Die Gestaltgruppentherapie von
heute ist charakterisiert durch prozessinduzierte Einzelarbeiten, die in
interaktionellen Sequenzen eingebettet sind und durch ein
"multidialogisches Gruppen-Selbst" als Gesamtfeld umfasst werden. Der transaktionsanalytische
Gruppenansatz verwendet die Gruppe
als präferiertes Setting, wie dies bereits aus Erik Berne verwandten Begriff
"Transaktion" entnommen werden kann, in dem er sein theoretisches
Modell überschrieb. Die Theorie der Transaktionsanalyse scheint eher durch eine
Haltung, als durch eine Doktrin gefördert zu werden. Diese Haltung wird in dem
Satz "Ich bin okay, du bist okay"
optimistisch, aber auch riskant formuliert. Systemzentrierte
Gruppenpsychotherapieansätze sind
auffallend heterogen. Hesse (2001) entwickelt einen theoretischen Rahmen, mit
dessen Hilfe sich die Gruppentherapieprozesse aus systemischer Sicht
beschreiben oder erklären lassen können. Anhand eines dreidimensionalen
Konzepts unterscheidet er kontextuelle und relationale Einzelaspekte, die
prozessual miteinander verknüpft sind. Psychodramatische Gruppenpsychotherapie wurde durch Jacob L. Moreno begründet. Das
grundsätzliche Ziel der psychodramatischen Psychotherapie besteht darin, die
Patienten dazu zu befähigen, im Rahmen ihrer individuellen Situation
eigenstimmig und angemessen zu handeln. Die
herabsinkende Popularität der Gruppenpsychotherapie seit Ende der siebziger
Jahre wird durch H. E. Richter (1999) sozialpsychologisch wie folgt erklärt
"Rückzug aus engen Bindungen, wachsenden Egozentrismus, Abkühlung der
Gefühle, speziell des sorgenden
Mitfühlens mit anderen Menschen". Richter sieht auf fachlicher Ebene die
Neigung sich auf das Selbst und auf das Individuum zu konzentrieren und somit
einen "Rückzug" aus den großen sozialen Utopien zu vollziehen. Gesellschaftliche
Veränderungen und fachinterne Wandlungen gingen miteinander einher. Sie trugen
zu einer weiteren Fixierung auf das einzelpsychotherapeutische Setting bei und
zu der sinkenden Akzeptanz der ambulanten Gruppenpsychotherapie, die durch die
Psychotherapierichtlinien und deren gravierenden ökonomischen Konsequenzen
fatal verstärkt wird. Verknüpfung von Adoleszenz und
Gruppenpsychotherapie Sehen wir auf die Spezifika der Adoleszenz
und auf die Spezifika der Gruppenpsychotherapie zurück, so ist eine Verknüpfung
von Adoleszenz und Gruppenpsychotherapie so naheliegend wie hochbrisant. Naheliegend
ist das gruppentherapeutische Setting,
wenn man die Aufgaben der Adoleszenz 1. Ablösung von den wichtigen Bezugspersonen
und 2. Gruppenbildung und Peergroupkultur berücksichtigt.
Das Anbieten einer therapeutischen Dualbeziehung an einen jungen Menschen, der
gerade dabei ist, seine tiefsten Objektbeziehungserfahrungen umzustrukturieren,
kann viel Angst vor erneuter Abhängigkeit und Regression auslösen, die den
jungen Menschen eventuell zur Flucht, d.h. zur Auflösung des Settings führt. In
der therapeutischen Gruppe bleibt der einzelne Jugendliche vor einer zu
schnellen Übertragung seiner Erfahrungen innerhalb der primären Objektbeziehungen
auf die Leiter der Gruppe geschützt und kann altersentsprechend den Schwerpunkt
seiner Aufmerksamkeit, seiner Bindungswünsche, seiner Wünsche nach Solidarität
und Nähe auf die Gruppenmitglieder setzen. Das Bedürfnis nach Rückzug und sogar
Verweigerung der eigenen Mitarbeit, der Schutz vor Öffnung des eigenen Selbst
und vor Preisgabe von Intimität, die Ablenkung von der eigenen Problematik
durch Einfühlung in die Problematik anderer und somit die Möglichkeit helfende
Funktion zu übernehmen, statt in der Position des Patienten, also des Kranken
bleiben zu müssen, sind in der Psychotherapiegruppe leichter, weil bereits
strukturell ermöglicht, zu realisieren. Das
Verantwortungsgefühl Jugendlicher gegenüber Gleichaltrigen, die Achtung der
"Wir-Heit" als Ablösungsgarantie kann den Jugendlichen ermöglichen,
die therapeutische Arbeit regelmäßig wahrzunehmen, ohne in die Gefahr zu
geraten, sich abhängig und bedürftig zu fühlen. Auch wenn reale Beziehungen in
der Regel nicht entstehen, kann für die jungen Frauen und Männer die positive,
im weitesten Sinne erotische Spannung spürbar werden, die aus der intensiven Begegnung
zwischen den Geschlechtern entsteht, wenn sie einander intime Anteile ihres
Empfindens, Denkens und Handelns mitteilen. Eine solidarische Koalition in der
Opposition den Leitern der Gruppe gegenüber kann gebildet werden, der Kampf mit
der Autorität kann dadurch leichter gelingen, so dass triumphierende Siege über
die Erwachsenen, aber auch Niederlagen ihnen gegenüber in der Gemeinschaft
relativiert werden können. Sie werden dann zu keinem persönlichen Versagen,
sondern zu einem kollektiven, das gemeinsam getragen wird. Die
Triumphe gegenüber den Erwachsenen, die einerseits narzisstische Gratifikation
sichern, auf der anderen Seite besonders aufgrund der noch vorhandenen
Abhängigkeit Schuldgefühle mobilisieren, können ebenfalls kollektiv abgemildert
werden. Das
Beschriebene erinnert eindeutig an die positive, konstruktive und tragende
Seite der Geschwisterbeziehungen. "Geschwisterliebe in der Pubertät ist
die faszinierte Teilnahme an diesem revolutionärem Entwurf des Anderen der
wechselseitigen Partizipation statt Identifikation." (Horst Petri 1994). Am
Beispiel der Geschwisterbeziehung wird aber auch deutlich, warum trotz der
vielen positiven Elemente der Gruppenpsychotherapie, die Gruppe von den
Jugendlichen auch als Gefahr gesehen und deshalb abgelehnt werden kann. In der
Geschwisterbeziehung werden in der Tat nicht nur Solidarität und Unterstützung
erfahren, sondern auch Angst vor Minderwertigkeit und Überforderung, Neid und
Eifersucht bezüglich der Zuwendung und der Anerkennung durch die Eltern. Ein
zentraler Konflikt der Adoleszenz ist die Schwierigkeit, zwischen Objektbildern
zu unterscheiden. Die Frage "Bin ich selbst oder sind die anderen in mir?
" kann in dieser Entwicklungsphase zu quälender Ungewissheit oder
lähmender Entscheidungsunfähigkeit, in schweren Fällen sogar zu Identitätsdiffusion
führen, bei der das Bewusstsein über die eigene Person seine Konturen verliert. Diese
Angst, sich selbst in der Gruppe zu verlieren, nicht genug Gelegenheit, Zeit
oder Mut zu haben, die eigenen Themen anzusprechen, sich als blasser,
unwichtiger und uninteressanter als andere zu erfahren, im Wettbewerb mit den
anderen Niederlagen erleben zu müssen und vor den Leitern den Rivalitätskampf
nicht zu bestehen, führen den Jugendlichen immer wieder zu dem Wunsch, doch
lieber im Einzelsetting therapeutisch behandelt zu werden. Auch die Erwartung,
nachträglich empathische Zuneigung von den Erwachsenen zu erfahren, wenn die
Eltern als nicht feinfühlig genug erlebt wurden, lässt den Wunsch
nachvollziehen, im Einzeltherapeuten einen Ersatz für enttäuschende
Elternerfahrungen zu finden. Bion
(1971) benennt, dass allein dadurch, dass der Einzelne im Rahmen der Gruppe mit
anderen zusammen sitzt, sonst nicht vorhandene Ängste mobilisiert werden, die
typische Abwehrbewegungen auslösen. Die Ängste beziehen sich dabei auf früh
erlebte, tief verdrängte Wünsche nach Abhängigkeit (Abhängigkeitsgruppe),
zerstörerische Prozesse zwischen Gruppe und Leiter (Kampf-/Fluchtgruppe) und
genitale Phantasien (Paarbildungsgruppe). Funktionen der Leiter der
Gruppenpsychotherapie Die
Problematik, ob Gruppendeutungen oder Deutungen gegenüber Einzelnen gegeben
werden, ist insofern gelöst, als beide Aspekte berücksichtigt werden können,
denn jedes Gruppenmitglied ist in einer jeweils gegebenen Situation
gleichzeitig Individuum und Mitglied
der Gruppe. Das selbe gilt auch für das Prinzip "Antwort" der
psychoanalytisch-interaktionellen Technik. Damit
wird beschrieben, dass sowohl eine Therapie in der Gruppe als auch eine Therapie der Gruppe stattfindet. Die dritte Stufe ist die Therapie durch die Gruppe, die dadurch entsteht,
dass die Gruppenmitglieder aufeinander therapeutisch wirken. Die
Leiter haben die Funktion, Mimik und Gestik der Gruppenmitglieder zu beobachten
und zu erklären, auf welche reaktivierten infantilen Beziehungsmuster die
entstandenen Gruppenphänomene zurückgeführt werden können und sie aus
hermeneutischer Perspektive zu verstehen und zu interpretieren. Der ambulante Rahmen der hiesigen
Gruppenpsychotherapie mit Jugendlichen Die
Entwicklung des Rahmens der Gruppenpsychotherapie lehnte sich an den oben
angeführten Überlegungen zu den Spezifika der Adoleszenz an. Teilnehmer [1] In
der psychotherapeutischen Gruppe werden Mädchen bzw. junge Frauen, sowie Jungen
bzw. junge Männer im Alter zwischen 16 und 21 Jahren behandelt. Die Gruppe ist
halboffen. Die
maximale Teilnehmerzahl wird auf 10 beschränkt. Zeitlicher Rahmen Die
Psychotherapiegruppe findet alle vierzehn Tage statt und dauert 1½ Stunden. Als Einstieg in die Gruppe werden 3
Probesitzungen vereinbart. Gruppenregeln Jeder
Gruppenteilnehmer wird über seine Schweigepflicht den anderen Gruppenmitgliedern
gegenüber aufgeklärt. Die Teilnahme an der Gruppe ist verbindlich. Ein
Fernbleiben sollte entschuldigt werden. Die Beendigung der Gruppenpsychotherapie
sollte in der Gruppe angesprochen werden. Tabelle 1: Sozialanamnestische Daten Gesamtteilnehmerzahl Alter 16-21 Jahre N 33 % Weiblich 21 Männlich 12 bei
den Eltern in
eigener Wohnung mit Betreuung Wohngruppe Internat 21 9 2 1 63,63 27,27 60,60 3,03 12 8 1 - 9 1 1 1 Einzelkinder Erstgeborene Zweit-/Drittgeborene 4 17 12 12,12 51,51 36,36 2 11 8 2 6 4 Gymnasium Gesamt-/Realschule Hauptschule Berufliche
Ausbildung 11 9 5 8 33,33 27,27 15,15 24,24 6 7 2 6 5 2 3 2 Ausländer Halbausländer
(1
Elternteil) Deutsche 5 2 26 15,15 6,06 78,78 4 1 16 1 1 10 Cotherapeutenteam Die
Gruppe wird von einer Ärztin und einem Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und Psychotherapie geleitet. Interventionsmethoden Verschiedene
Interventionstechniken werden angewandt: Deutungen mit ihren Vorformen
gegenüber den Gruppenteilnehmern, die über trianguläre Beziehungserfahrungen
und die Fähigkeit zur Selbstreflexion verfügen, antwortende Techniken gegenüber
den Patienten mit strukturellen Störungen, die im günstigen Falle zu einem
späteren Zeitpunkt der Behandlung auch vom Prinzip "Deutung"
profitieren können (Heigl/Evers und Heigl,
1994). Tabelle 2: Störungsniveau Gesamtteilnehmerzahl Alter 16-21 N 33 % Weiblich 21 Männlich 12 neurotisch
extern neurotisch
intern narzisstisch- depressiv
intern narzisstisch- depressiv
extern Borderline
extern Borderline
intern 0 7 3 14 6 3 - 21,21 9,09 42,42 18,18 9,09 - 5 1 9 4 2 - 2 2 5 2 1 Extern = externalisierend, Intern =
internalisierend Themen Inhalte
werden durch die Gruppenteilnehmer benannt und gemeinsam abgewogen oder entstehen im therapeutischen
Prozess, und werden von den Gruppenleitern als Themen wahrgenommen und zusammengefasst. Wege zur Gruppe Der
Gruppenteilnahme geht zumindest ein Vorgespräch mit einem der Gruppenleiter
voraus, um die Frage der Indikation zur Gruppentherapie und der Motivation zur
Teilnahme vorzuklären. Für einige Patienten ist die Gruppenpsychotherapie die
erste und einzige Behandlungsform, für andere ist sie die Nachbehandlung einer
stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Therapie und/oder Diagnostik,
wieder bei anderen ist sie eine Anschlussbehandlung nach einer Einzeltherapie
oder nach einer Familientherapie. In Einzelfällen nahmen die Patienten sowohl
an der Gruppenpsychotherapie, als auch an einer Einzeltherapie teil, wobei die
Einzeltherapie sich in der Abschiedsphase befand. Tabelle 3: Vorbehandlungen Gesamtteilnehmerzahl Alter 16-21 N 33 % Weiblich 21 Männlich 12 Einzeltherapie Stationäre
KJP-Behandlung Familientherapie Keine Einzeltherapie
parallel woanders 10 3 2 17 1 30,30 9,09 6,06 51,51 3,03 7 - - 14 - 3 3 2 3 1 Einzeltherapeutische Behandlungen
fanden in unserer Praxis statt (5 KZT, 4 LZT). Die familientherapeutische
Behandlung wurde ebenfalls in der hiesigen Praxis durchgeführt (3 bis 10
Sitzungen). Parallelbehandlungen Während
der Gruppenpsychotherapie haben alle Patienten die Möglichkeit, z. Bsp. in
Krisensituationen, einen Gesprächstermin bei einem Gruppenleiter entweder im
Einzel- oder im Familiensetting zu erfragen. Seltener von den Jugendlichen
selbst beansprucht, wird das Anliegen häufiger von den Eltern der Patienten
geäußert. Die Möglichkeit von Einzel- und Familiengesprächen wird in der Gruppe
offen gehandhabt. Störungsbilder, Störungsniveaus Bei
den meisten sowohl männlichen als auch weiblichen Patienten handelt es sich
diagnostisch um depressive, psychosomatische oder somatoforme Störungen, in
selteneren Fällen um Störungen des Sozialverhaltens mit Aggressivität und/oder
beginnender Dissozialität, um Suchterkrankungen (im Rahmen der illegalen Drogen
ausschließlich Cannabiskonsum und/oder gelegentlicher Konsum von
Designerdrogen), um posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen
einschließlich interkultureller Integrationsproblematiken. Bei den
psychosomatischen Störungen überwiegen die Essstörungen und die Panikstörungen. O.
g. Störungen sind entweder auf neurotischem, narzisstisch-depressivem oder
Borderlinestörungsniveau. Psychotische Störungen kamen nicht vor. Pharmakologische Behandlung Keiner
der bisherigen Teilnehmer wurde pharmakologisch mitbehandelt, wobei eine
Medikamenteneinnahme kein Ausschlusskriterium darstellt. Beschreibung der zentralen Prozesse
unserer gruppenpsychotherapeutischen Arbeit mit Adoleszenten Die
Gruppe entstand im Mai 1999 und wird bis heute im gleichen Rahmen fortgeführt. Angestrebt
wurde eine methodenübergreifende Gruppenpsychotherapie unter
tiefenpsychologischem Verständnis und primärer Strukturierung durch die
Therapeuten. Diese arbeiteten im Cotherapeutenmodell mit dem Ziel, nach methodischen
Anstößen den Prozess der Gruppe zu überantworten und die Aufrechterhaltung des
Rahmens Schritt für Schritt der Gruppe zu übertragen. Vorherrschend
war zunächst ein zögerlicher, abwartender Beginn mit wenig Vertrauen in
positive Wirkungen von Gruppen, vor allem bei der ängstlich-depressiv wirkenden
Subgruppe. Hier standen Ermutigung, Vermittlung von Interesse und Bereitschaft
zum aktiven Begleiten bis hin zum Prinzip Antwort als zentrale Therapeutenintervention
im Mittelpunkt. a)
Bei der Subgruppe der externalisierenden bzw. expansiven Störungsbilder
war zu unterscheiden zwischen der in diesem Fall größeren Subgruppe derer, die
fremdplatziert waren oder bereits alleine mit oder ohne Betreuung wohnten,
gegenüber denen, die im familiären System lebten. Bei der Gruppe der Fremdplatzierten zeigten sich
deutliche Unterschiede, ob die Betroffenen als Jugendliche selber diesen
Schritt herbeigeführt hatten, z.B. um sich aus Gewalt- oder
Misshandlungsfamilien zu befreien oder ob sie über eine pädagogische Initiative,
die primär durch die Erziehungsberichtigten veranlasst wurde, in
Fremdplatzierung gekommen waren. Bei der Gruppe der externalisierenden Störungsbilder
mit Therapie und/oder Fremdplatzierungserfahrung lagen häufige sprachliche
Kompetenzen vor, z.B. im Sinne eines gelernten "Fachjargons", z. T.
auch mit angestoßener Selbstreflexion oder zumindest bestehender Bereitschaft
hierzu und z. T. auch der Lust, die Situation der anderen zu kommentieren,
Ratschläge zu geben, die Helferposition zu übernehmen oder auch die eigene
Geschichte, bzw. die eigenen Erfahrungen anderen als Lösung anzubieten. Entsprechend waren die Interventionstechniken daran
ausgerichtet, diese Aktivitäten zunächst zwar zu unterstützen und positiv zu
begleiten, jedoch zunehmend auch die Wahrnehmung für spezifisch andere
Erfahrungen und Situationen zu aktivieren. Jugendliche mit internalisierenden
Störungen durchliefen eine Phase
staunender Bewunderung gegenüber Ersteren, fühlten sich später jedoch
ermuntert, die eigene Situation deutlicher zu artikulieren, sich von zu
schnellen Empfehlungen zu lösen und die Anregungen zur Klärung zu nutzen, um
eigene Lösungswege zu finden. b)
Jugendliche mit eher internalisierenden Problemen kamen z. T.
aus familientherapeutischen Vorphasen, z. T. auch aus ambulanten oder
stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungen, in denen sie
bereits gelernt hatten eine Atmosphäre zu unterstützen, in der Jugendliche
etwas berichten können. Bei dieser Subgruppe erschien es hilfreich, die eigene
Situation und die Stimmung in der Gruppe in Beziehung zu setzen, z. T. auch die
eigene Wirksamkeit gegenüber der Gruppe zu reflektieren, z. T. die Spannung
zwischen der Sehnsucht nach einer dyadisch-therapeutischen Beziehung und der
nicht ganz freiwillig akzeptierten gruppenpsychotherapeutischen Lösung wach zu
halten und austragen zu helfen. Bei ihnen waren Übertragungsvorgänge auf die
"signifikanten Anderen", also die wichtigen Beziehungen vermittelnder
Personen schnell zu beobachten, teils im Sinne der elterlichen Übertragung,
teils der Geschwisterübertragung, teils auch der Lehrerübertragung. Bei dieser Gruppe zeigte sich am ehesten auch der
Wunsch, Unterstützung und Hilfe zu bekommen, wie es teilweise in klinischen
Einrichtungen nahe gelegt wird im Sinne des Sanatorium-Modells nach H.E.
Richter (Die Gruppe). Orale Bedürfnisse und das Gefühl, nicht das Richtige zu
bekommen oder nicht genügend in der Gruppe zu bekommen, verknüpften sich mit
der Frage, ob die Arbeit dem oder derjenigen genügend "bringe". Oft wurde mit Therapeutenunterstützung spürbar, dass
es sich um ein wechselseitiges Geben und Nehmen handelt und Solidarität und
Gruppenkohäsion ebenso wie die Erfahrung gemeinsamer ähnlicher Problematiken
eine zumindest gute Zwischenplattform darstellen können (Yalom). Als Interventionstechnik ergab sich hier ein
Kompromiss zwischen Therapie in der
Gruppe mit intensiverem Eingehen auf die spezifische Situation des Betroffenen
mit vorsichtigen Deutungen und Therapie der
Gruppe bei zwar unterschiedlichen Symptomausprägungen, jedoch gleichem
Grundkonflikt oder zumindest Symptomähnlichkeiten bei unterschiedlicher
familiärer Grundproblematik. Hier wurden die Gruppenmitglieder zu Kontaktaufnahme
mit einem entsprechend konstellierten Gruppenpartner angeregt. Als Beispiel sei ein männlicher Jugendlicher benannt,
der mit seiner Tante zusammen wohnte, die die leibliche Mutter des Jugendlichen
massiv entwertete und die ständig versuchte, mit dem Jugendlichen ins Gespräch
zu kommen, dadurch, dass sie ihn mit einseitigen „Vorträgen berieselte“. Der
Jugendliche befand sich permanent auf der Flucht, um das Gespräch mit der Tante
zu vermeiden, wollte ihre Ratschläge und Warnungen nicht übernehmen, sperrte
sich stundenlang in sein Zimmer oder kam gar nicht erst nach Hause zurück mit
entsprechender Eskalation der Dynamik zwischen ihm und der Tante. Gesprächspartnerin
wurde ein teils depressiv-narzisstisch, teils phobisch strukturiertes Mädchen,
die eine ähnliche Problematik mit ihrem Freund erlebte, mit dem sie einerseits
intensive Kommunikation erleben wollte, andererseits die Kommunikation mit ihm
vermied, weil er ständig über Themen sprach, die sie nicht interessierten. Die
entsprechenden Fluchtmechanismen wurden verknüpft mit der Frage, ob sich
Beziehungen qualitativ verbessern ließen, wenn statt Flucht und Vermeidung die
Bereitschaft zu kürzeren Begegnungen entstünde. Passivität,. Resignation oder
vorgeschobene Argumentation bei Beziehungsvermeidung konnten von der Gruppe
dadurch aufgegriffen und bewegt werden. Anhand diesen Themas ergab sich die Möglichkeit
strategisches Verhalten von emotional besetztem Verhalten zu unterscheiden, um
herauszufinden, ob nicht nur Vermeidungswünsche, sondern auch Kontaktwünsche zu
bestimmten Menschen noch bestehen oder nicht. Kleine Prozesse und Sequenzen von Problemdarstellung
bis zur Lösung konnten die unterschiedlichen Wahrnehmungs-, Erlebnis- und
Interpretationsweisen der einzelnen Jugendlichen vor dem Kontext ihrer jeweils
eigenen Geschichten verdeutlichen. "Eltern" in gruppentherapeutischem
Prozess Besonders
ertragreich, allerdings nach unserer Erfahrung zunächst sehr stark abgewehrt,
war die Bearbeitung unterschiedlicher Erfahrungen mit den eigenen Eltern. Mit
den in mächtiger Loyalität an die Eltern gebundenen Jugendlichen kam es seltener
zu Gegenreaktionen, wenn Jugendliche, die bereits selbständig oder in Wohngruppen
lebten voller Verachtung oder Hass über einzelne Elternteile berichteten. Hier
schien es wichtig, die hochgradige Gegensätzlichkeit der Erfahrung für den
jeweils anderen "verdaulich" zu machen, aber auch die Sehnsucht nach
den imaginären Eltern bei den Jugendlichen, die scheinbar nichts mehr von ihren
Eltern wissen wollten (Pseudoautonomie) zumindest als vergangenes Gefühl zuzulassen
zu helfen. Jedoch waren auch die Über-Ich-Konflikte der stärker gebundenen
Jugendlichen hinsichtlich ihrer Eltern bearbeitbar zu machen, indem Fragen
angestoßen wurden, wie z. Bsp. "Wieweit darf ich meine Eltern
kritisieren"; "Wieweit darf ich mir andere Eltern wünschen?";
"Wieweit darf ich ihnen gegenüber Ärger empfinden?". In
einzelnen Situationen gelang es dann auch, die gesamte Gruppe zu einer
Beschäftigung mit dem Verhältnis von Eltern und Jugendlichen zueinander zu
bewegen. Das Dilemma zwischen Autarkie und Versorgungswunsch oder Autonomie und
Abhängigkeit wurde wiederholt als für die ganze Gruppe zentrales Thema gewählt.
Als
Beispiel sei ein Jugendlicher genannt, der durch seine stark kontrollierende
Mutter, die selbst phobische Anteile hatte, keine Möglichkeit sah, erste Bestrebungen
nach Eigenaktivität im Urlaub zu artikulieren oder gar zu unterstützen. Er
wollte jedoch vor sich selbst und vor allem vor der Gruppe bestehen, bot somit
einen konfliktarmen Lösungskompromiss an: dies
sei sein letzter Urlaub mit Unterwerfung unter die Familientradition und er
gehe davon aus, dass der nächste Urlaub anders werde. Der Jugendliche, der an
Ängsten, Phobien und Panikattacken litt, versuchte für sich abzuschätzen, was
er an tatsächlicher Veränderung ertragen könnte und konnte sich und der Gruppe deutlich
machen, dass er nur ein bestimmtes Maß von Krise und Konflikt aushalte. Die
Gruppe nahm das Thema der psychosozialen Kompromissbildung im
Spannungsverhältnis zwischen intrapsychischer Symptomatik und Belastung und
psychosozialem Veränderungswunsch auf, interpretierte es als erworbene
Kompetenz für sich als Ganzes und für den Jugendlichen als Individuum. Die
Loyalität gegenüber den Eltern außerhalb der familiären Situation erscheint als
weiteres wichtiges adoleszentes Merkmal. Dies führte in der Gruppe konkret
dazu, dass eine Jugendliche, die ihre zunehmend deutlichen Wünsche nach dem
verstorbenem Vater zeigte, gleichsam Angst vor ihrer eigenen Courage und
Sehnsucht entwickelte. Dies teilte sie der Mutter mit, die den Bruch der
Familienregel befürchtete, sich vom Vater emotional abzugrenzen. Sie empfahl
der Tochter den Abbruch der Behandlung, was diese zur Rückkehr in die einvernehmliche
Beziehung brachte. Die Gruppe interpretierte dies gleichsam als ein zu
rückhaltloses Preisgeben wichtiger persönlicher Themen und betonte die
Notwendigkeit von persönlichen Geheimnissen. Das Thema, das die eigenen Eltern
von anderen Gruppenmitgliedern als schlechte Eltern wahrgenommen werden
konnten, wurde von einer weiteren Gruppenteilnehmerin verdeutlicht, die ihre eigene
Problematik nicht benennen wollte, aus der Angst, die Gruppe könnte denken,
wenn sie solch eine Problematik habe, könnten ihre Eltern nur schlecht sein. "Zum Thema
Geschwisterlichkeit" Die
Vielseitigkeit der Geschwisterbeziehungen, die Rolle innerhalb der
Geschwisterreihe, die Beziehungen zwischen einzelnen Geschwistern und einzelnen
Elternteilen wurden im Vergleich zu den Elternbeziehungen auffällig lebendig,
humorvoll, frisch und z. T. sogar unbeschwert besprochen. Spürbar war die
Entspannung, die die gesamte Gruppe erfuhr, als Konflikte mit den Geschwistern,
gerade in ihren aggressiven, neidischen und schadenfreudigen Anteilen ausgesprochen
werden konnten. Auch
die offensichtliche Reproduktion der Geschwisterpositionen, die Rollen der
jeweiligen Gruppenmitglieder in der Gruppe ließen kaum Bedrückung oder
Hilflosigkeit entstehen, sondern vielmehr Konstruktivität und Neugierde. Hier
erfuhr die Gruppe, dass die Geschwisterbeziehungen ein viel freieres und
ungefährlicheres Übungsfeld für das Austragen von Konflikten und das Erproben
von Lösungen sind, als die Beziehungen zu den Eltern oder ganz allgemein zu
Erwachsenen. Als
Beispiel sei ein depressiv-ängstlicher Jugendlicher mit erheblicher
Selbstwertproblematik, gesteigerter Anpassung an die Eltern bei starken
Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem eigenen Bruder erwähnt, der nach seiner
Beschreibung der Überlegenheit des Bruders und dessen erfolgreicher
Entwicklung, sowie seines eigenen Scheiterns, z.B. im Sport und im Beruf, von
der Gruppe regelrecht durch phantasiereiche Vorschläge überschüttet wurde, um
seinen Bruder doch zu übertreffen. Der Jugendliche konnte in kleinen Schritten
erspüren, dass er sich durch die Lebendigkeit und Klugheit der
Gruppenmitglieder genauso erschlagen fühlte wie durch die Überlegenheit seines
Bruders und konnte sich von den gut gemeinten Ratschlägen zumindest so weit
distanzieren, dass er sich Zeit wünschte, um zu überlegen, ob er seinen Bruder
wirklich besiegen möchte. Der
Jugendliche entwickelte sich überraschend positiv und konnte am Ende seiner
Behandlungszeit der Gruppe gegenüber ausdrücken, dass er aufgrund der guten
Erfahrungen im Rahmen seiner neu begonnenen Lehre die Absicht habe, die
Gruppenpsychotherapie zu beenden. Die Gruppenmitglieder reagierten wiederum mit
viel Skepsis, Ermahnungen und Warnungen. Der
Jugendliche verspürte zuerst die Tendenz, entsprechend seiner depressiven
Grundposition die anderen wichtiger als sich selbst zu nehmen und deren
Position als richtiger einzuschätzen. Er kam jedoch zu der Erkenntnis, dass er
sich nicht erneut unterordnen, dem Gruppendruck nicht nachgeben und doch bei
seiner Überzeugung bleiben wollte, dass er nicht länger in der Gruppe bleiben
müsse. Sein positiver Abschied ermöglichte der Gruppe für eine Zeit, sich als
hilfreich unterstützende Instanz, jedoch ohne gesteigerte Machtbefugnisse zu
erleben. Sie konnte die Überzeugung des Jugendlichen trotz Bedenken als
realistisch einschätzen und sich von der Position des großen Bruders distanzieren. Die
2 Jahre später erfragte Entwicklung des Jugendlichen bestätigte tatsächlich,
dass er für sich eine angemessene Entscheidung getroffen hatte, er hatte
mittlerweile seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und fühlte sich sowohl
sozial wie beruflich wirksam und zufrieden. Einige Aspekte der Gruppenstrukturierung Den
Cotherapeuten schien es wichtig, am Anfang einer neuen Sitzung auf die letzte
Sitzung zurückzuschauen, Spuren, Reste, Belastungen, Veränderungen und
Auswirkungen einzubringen, um so die Etablierung einer Gruppentradition zu
aktivieren. Dies widersprach zwar dem unmittelbaren Hier- und Jetzt-Erleben
mancher Jugendlicher, war aber nach der Überwindung eines ersten Widerstands,
des Schweigens oder Nicht-Erinnerns ein wichtiger Einstieg, um nachträglich
anknüpfen zu können, auch etwas zu sagen, was man sich in der unmittelbaren
Situation nicht getraut hatte. Solche Aktivitäten waren allerdings oft nur mit
Hilfe der Therapeuten möglich, sie führten innerhalb der Gruppe meistens dazu,
Kontinuität trotz wechselnder Teilnehmer zu erleben und auch zu erfahren, dass
nichts verloren geht. Darüber
hinaus wurde ersichtlich, dass es verschiedene Schritte des Umgangs mit
Erfahrungen gibt: Aus der aktuellen Situation, aus dem Abstand, aus der
Beobachtungsposition, aus der der unmittelbarem Beteiligung und auch aus der
des reflexiven Abstands. So
können die Kurzzeitigkeit eines Fokus mit der Mittelfristigkeit darunter liegender
Gruppenthemen aktiv verbunden werden. Über längere Phasen können dann auch
Gruppenthemen in der Gruppe benannt werden bzw. ausgearbeitet werden, so z.
Bsp. die von Bion ausgeführten Grundannahmegruppen. Hieraus ergibt sich für die
Gruppe dann auch die Fragestellung, aus welchem Grund bestimmte Themen nur
selten auftreten, so in diesem Falle die „Fight-or-Flight“-Gruppe, andere
Themen wiederum nur verborgen oder unter Scham angegangen werden, deshalb auch
nicht zu forsch interpretiert werden sollten wie insbesondere
Paarbildungselemente oder ödipale Themen innerhalb der Gruppe. Die
Co-Therapeuten intervenierten in ähnlicher Intensität, wobei sich der eine oder
die andere bei bestimmten Behandlungssequenzen zurückzog oder weniger
beteiligte (passagerer Co-Therapeutenstatus). Aus dieser Position heraus konnte
der an einer Sequenz weniger beteiligte Therapeut die Gruppe überprüfen lassen,
wie die Interventionen des Kollegen wahrgenommen wurden, in wieweit sie als
wichtig angesehen wurden, oder in wieweit noch nicht ausgesprochene
Widersprüche im Raum stünden. Unterschiedliche
Beobachtungen oder Interpretationen der Therapeuten wurden in der Regel vor der
Gruppe angesprochen, so dass die Gruppe sie auch als lebendiges und
kommunizierendes Subsystem erleben konnte. Die
Reaktivierung der ödipalen Phase in der Adoleszenz ermöglicht die
co-therapeutische Beziehung zu erleben, zu überprüfen, zumindest sich mit ihr
zu beschäftigen. Auch hier zeigt die Gruppe wenig ödipale Aktivität. Im
Vordergrund steht die Beziehung zur Therapeutin, die das eher versorgende und
unterstützende Prinzip vertritt, aber auch die niedergelassene Ärztin ist,
weshalb sie spontan von den Gruppenmitgliedern als die für sie eher zuständige
Person erlebt wird. Hier zeigt sich eine deutliche Elternübertragung, da die
meisten Jugendlichen benennen, dass die erste für sie zuständige Person im
Regelfall die Mutter war, während die meisten die Erfahrung eines abwesenden
oder eher passiven Vater mit sich bringen. Diese Erfahrung aktiviert die
Neugierde gegenüber dem männlichen Therapeuten und eine noch recht vorsichtige
konkurrierende Tendenz. Phasenintensivere Dualität können sich etablieren und
werden in der Regel vom jeweils anderen Therapeuten seltener auch von einem
Jugendlichen trianguliert, so dass die erlebte Intensität der Gruppe sozusagen
weiter gereicht wird. Zusammenfassend begünstigte die Gruppe korrigierende emotionale
Erfahrungen und nachträgliche Einsicht in diese: 1.
durch die Solidarität
der anderen im Arbeitsbündnis mit der Gruppe 2.
durch die Funktion der
anderen als potenzielle Helfer 3.
durch die
Öffentlichkeit der Gruppe in der die durchzuarbeitenden Prozesse für andere
sichtbar werden. Die anderen Gruppenmitglieder fungieren somit als Zeugen, die
die eingetretenen Veränderungen " bezeugen ". 4.
zur Kompetenz der
therapeutischen Leiter kommt die Kompetenz der Gruppe und der einzelnen Teilnehmer.
Damit steht der Gruppe ein gegenüber der Einzeltherapie größeres therapeutisches
Potenzial zur Verfügung. Spezifika und Charakteristika von
Gruppentherapie in der Adoleszenz, bezogen auf die therapeutische Arbeit
1.
Beziehungen zu
Erwachsenen werden häufig intensiv hinterfragt oder bis hin zur Entwertung abgewehrt. In den letzten Jahren
ist seltener von krisenhafter Adoleszenz die Rede, vielmehr von pragmatischer
Orientierung an der eigenen Zukunftsplanung. In der Gruppentherapie finden sich
beide Formen wieder, die heftige Auseinandersetzung mit Elternimagines betrifft
häufiger die im Bereich der Jugendhilfe lebenden 2.
Jugendliche, die
pragmatische Orientierung die Jugendlichen, die zumindest keinen primären oder
sekundären Krankheitsgewinn haben. 3.
Kurzfristige
Idealisierung, schwankende Bewertungen, Augenblicksentscheidungen und deren
anschließende Bagatellisierung finden Eingang in das therapeutische Setting und
den Rahmen. Dies betrifft die labile Verbindlichkeit, die Kurzfristigkeit des
Beendens, die wechselnden Ziele, die nur begrenzte Kommunikation der eigenen
Wünsche und Ansprüche mit sogenannter agierter und nicht verbalisierter Entscheidung.
4.
Die Phase der
Adoleszenz ist einerseits durch hohe Verunsicherung, andererseits durch
verschiedene Formen narzisstischer Kompensation gekennzeichnet. In der
Gruppendynamik führt das dazu, in der Anfangsphase der Gruppentherapie
ängstlich- zurückhaltend zu sein, möglichst im Beobachtungsstatus zu bleiben.
In einer weiteren Phase gelingt es, selbstunsicheren Jugendlichen, eigene
Themen zu benennen nur wenn keine anderen Themen vorliegen. 5.
Die Spannung zwischen
den Geschlechtern resultiert in dieser Zeit aus deutlicheren
Partnerschaftswünschen, Zunahme der Sehnsucht einen konkreten Menschen lieben
zu dürfen oder geliebt zu werden und in einem mehr oder weniger offenen
Werbeverhalten. Hieraus erwachsen dann in der Gruppenpsychotherapie teilweise
verschiedene Kollusionen wie die zwischen einer versagensängstlichen
Jugendlichen und einem forschen männlichen Ermutiger oder die eines um Anerkennung
werbenden männlichen Jugendlichen und seiner hochinteressierten, bewundernden
Partnerin. Es ergeben sich jedoch auch häufig negative Kollusionen, wo
verborgene Wünsche besonders gut verdeckt werden, um von positiven Gefühlen
nicht überrollt zu werden oder bei Zeigen dieser Gefühle abgelehnt oder
lächerlich gemacht zu werden. Die Thematik der Scham spielt in dieser Phase
eine besondere Rolle. Zusammenfassend sind vier Arten der Kollusion unterscheidbar
gewesen: 1.
die
narzisstisch-fusionäre Kollusion 2.
die oral abhängige
Kollusion 3.
die sadomasochistische
Kollusion 4.
die ödipale Kollusion Es
ergaben sich drei Arten der Objektbeziehungen: 1.
die gewünschte
Objektbeziehung, 2.
die gefürchtete
Objektbeziehung, 3.
die gemiedene
Objektbeziehung. Je
nach Reifegrad ergaben sich drei Ebenen der Objektbeziehung in der
durchgeführten Gruppenpsychotherapie: 1.
die Bildung eines
narzißtischen Gruppenselbst als Basisbeziehung: narzißtisch-fusionäre,
unreflektierte Nähe, 2.
höhere Formen der
aktiven Ich-Leistungen, z. B. Identifikation, Projektion, Übertragung,
Verdrängung, Ungeschehenmachen, Isolieren, Regression sowie Abgrenzung von
einem Objekt sowie reflektierte Nähe und Distanz, aber auch archaische Formen
der aktiven Ich- Leistung: projektive Identifikation, unreflektierte Nähe und
reaktives Distanzsuchen, 3.
freier Entscheid, für
oder gegen ein Objekt sowie kontrollierte Nähe und Distanz. Von
den 5 Phasen der Gruppenentwicklung nach Kutter: 1. Explorativer Kontakt, 2. Regression,
3. Katharsis, 4. Einsicht, 5. Sozialer Lernprozess und Wandlung überwogen in
der Adoleszentengruppe der explorative Kontakt und der soziale Lernprozess,
während Regression nur anfänglich zugelassen wurde. Kasuistik: Im
folgenden werden vier Gruppentherapieverläufe kurz skizziert. M. war zum Zeitpunkt der Erstvorstellung 18 Jahre alt und kam in
Begleitung des Vaters in die Praxis. Vorausgegangen waren heftige suizidale
Gedanken und ein Selbstmordversuch, der jedoch erst nachträglich von M. als solcher
verstanden wurde. M. war nachts mit einem Motorroller ohne Licht und ohne zu
bremsen einen steilen Anhang hinunter gefahren und war, ohne dass ihm und
anderen etwas zustieß, zum Stillstand gekommen, er konnte nicht sagen, wodurch.
M. hatte eine stark symbiotische Beziehung zu einer Schulkameradin erlebt, die
die Schulkameradin ein paar Monate zuvor abgebrochen hatte. Daraufhin fing M.
an, mit dem Leben zu hadern. Jeden Tag sah er seine Exfreundin in der Schule,
was er kaum ertragen konnte, weshalb er anfing, die Schule unregelmäßig zu besuchen.
Daraus resultierte ein massiver Leistungsabfall. Bis dahin war M. ein sehr
guter Schüler gewesen. M. hatte einen älteren Bruder, der keine Problematik
aufzeigte und lebte mit beiden Eltern, mit denen er sich sehr unabgelöst
wahrnahm. Anamnestisch sei erwähnt, dass M. mit einem schweren Herzfehler zur
Welt kam, weshalb er mehrfach als Baby und als kleines Kind operiert wurde und
weswegen er bis zum heutigen Tag keine sportlichen Aktivitäten betreiben
konnte. Diese anamnestische Erfahrung hatte dazu geführt, dass M. als Kind oft
isoliert lebte, weil er vieles nicht mitmachen konnte. Diagnostisch
zeigte M. eine narzißtische Persönlichkeitsentwicklungsstörung. Er erklärte
sich eher problemlos bereit, an der Gruppentherapie teilzunehmen, die er auch
recht aktiv gestaltete. Wichtig war ihm, den Mittelpunkt der Gruppe zu bilden,
die Aufmerksamkeit der anderen, besonders der Mädchen für sich zu gewinnen, was
er dadurch erzielte, dass er, in Konkurrenz mit den Gruppenleitern,
ausgeklügelte psychologische Erklärungen den anderen Gruppenmitgliedern
weitergab, also eine Cotherapeutenrolle übernahm, oder dadurch, dass er seine
Symptome detailliert beschrieb und keinerlei Erklärung oder Deutung der
Therapeuten annahm, als sei sein "Fall" jenseits jeglicher
therapeutischer Erfahrung. M.
schrieb Gedichte, worüber er immer wieder ausführlich sprach und die er einmal
der Gruppe mitbrachte, mit dem Wunsch, dass die Teilnehmer die Gedichte läsen
(ca. 30 Gedichte) und ihm Rückmeldungen geben, besonders bezüglich der Frage,
ob sie ihm bei der Publikation der Gedichte helfen könnten. Die Gruppe
reagierte eher zurückhaltend, hatte jedoch große Schwierigkeiten einen direkten
Konflikt zu wagen und entschied sich für den Kompromiss, die Gedichte mit nach
Hause zu nehmen und zu Hause zu lesen, um ihm dann eine globale Rückmeldung zu
geben. M. konnte diese Kränkung in einigen intensiven Sequenzen bewältigen, bis
dahin, dass er für sich verstand, dass er eine deutliche, eigene Meinung über
seine Werke hatte und letztlich nicht offen für die Rückmeldungen der
Gruppenteilnehmer war, sollten sie von seiner eigenen Meinung abweichen. Die
Beziehung zwischen ihm und seiner Exfreundin wurde von den Gruppenteilnehmern
immer wieder aufgegriffen, die wiederholt die Erfahrung mit M. machten, dass er
die Ratschläge oder die Erklärungen oder Erfahrungen der Gruppenteilnehmer
nicht annehmen konnte. Der Konflikt, der sich dadurch anbahnte, wurde
deutlicher und konnte letztlich offen bewegt werden. Als M. plante, die Gruppentherapie
zu beenden, war seine Symptomatik bereits abgeschwächt, die suizidalen Gedanken
hatten vollständig nachgelassen, seine schulischen Leistungen stellten das
Abitur nicht mehr in Frage. M. konnte sich für den Abschied von der Gruppe Zeit
nehmen, er bat um ein Einzelgespräch mit der Gruppenleiterin, um die Fragen
auch alleine zu vertiefen, ob es tatsächlich für ihn an der Zeit sei, die
Gruppe zu verlassen. M. konnte mit der Gruppe das Thema "Trennung",
die ihn so traumatisch traf, in seiner Brisanz, besonders bezüglich seiner
biographischen Erfahrungen, im Rahmen der angeborenen Erkrankung verstehen. Es
war ihm möglich, zum Abschluss die Wichtigkeit der Gruppe zu erkennen und zu
versprachlichen, den Gruppenteilnehmern eine Rückmeldung zu geben und die
Rückmeldung durch die Gruppe zu akzeptieren. In
der katamnestischen Befragung zwei Jahre später war M. sehr offen und
freundlich, er freute sich über die Nachfragen. Er hatte das Abitur mit besten
Noten geschafft und studierte Philosophie und Geschichte. Er berichtete, dass
er die früheren Symptome im Laufe der beiden Jahre nicht wieder erlebt hatte
und insgesamt sehr zufrieden sei. S. kam mit 15 Jahren in Begleitung der Mutter in die kinder- und jugendpsychiatrische
Praxis. Er besuchte die 8. Klasse des Gymnasiums, wobei seine Versetzung recht
gefährdet erschien. S. stotterte, zeigte Hinweise einer hirnfunktionellen
Störung, hatte nie Fahrrad fahren gelernt und konnte nur mit Mühe einen Ball
fangen. S. hatte nie einen Freund gehabt, verbrachte die Pausen isoliert und
die Nachmittage und Wochenenden zu Hause. S. lebte mit seinen Eltern zusammen
und hatte keine Geschwister. Vorstellungsgründe waren einerseits massive
Zwangshandlungen, andererseits Impulsdurchbrüche, die soweit gingen, dass S.
seine Mutter tätlich angriff. Die soziale Problematik machte der Mutter weniger
Sorgen, wohl aber die schlechte Schulleistung. Als Grund der Komplexität der
Störung wurde zuerst eine Einzelpsychotherapie vorgeschlagen, die S. zwar
ungern jedoch, pflichtbewusst wahrnahm. S. kämpfte mit dem "Schild"
an der Tür und konnte später berichten, dass er sich jedes Mal, wenn er die
Praxis betrat, sich als "Verrückter" vorkam und Angst hatte gesehen
zu werden. Nach einer Kurzzeittherapie gab es eine intensive Krise, dadurch
bedingt, dass die Eltern sich trennten. S. verweigerte den weiteren Kontakt zum
Vater, den er als schuldig für die Trennung sah, da er eine neue Beziehung eingegangen
war. Einerseits verklebte S. wieder mit seiner
Mutter, andererseits wurden die Impulsdurchbrüche häufiger und unkontrollierter.
Nach einer kurzen psychiatrischen Krisenintervention entschied S., dass er doch
den Mut haben wollte, an der Gruppe teilzunehmen, da seine sozialen
Schwierigkeiten sich im Laufe der Einzeltherapie wenig verändert hatten. S. saß
in der Gruppentherapie sehr starr an seinem Platz, sprach zuerst nur auf
Nachfrage und kämpfte mit dem Stottern. Politische Themen ermöglichten ihm den
Einstieg, er interessierte sich sehr für Politik, er machte die Erfahrung, dass
er auf sachlicher Ebene ohne zu stottern mit den anderen Gruppenmitgliedern in
Kontakt kam. Seine Beiträge waren sachlich und sehr durchdacht. Wider seiner
Erwartung bekam S. viel Sympathie von den Gruppenmitgliedern und konnte mit
einem gleichaltrigen Jungen politische Themen vertiefen, die ihm besonders am
Herzen lagen. Er freute sich, einen Gleichgesinnten vorzufinden, schaffte es
jedoch auch, seine familiäre Situation zu bewegen. Die Gruppenmitglieder
konfrontierten ihn wiederholt mit der Frage, warum er seinen Vater so tief
ablehnte, und ob er es schaffen könne, sich mit ihm auseinanderzusetzen, statt
ihm aus dem Weg zu gehen. S. war einerseits überfordert, andererseits ärgerlich
und konnte allmählich seinen Ärger dosiert äußern. Zufälligerweise kam vom
gleichen Gymnasium ein weiterer Schüler in die Gruppe, dadurch war das Thema
"Scham" für S. und für die gesamte Gruppe offen. S. schaffte es,
trotz der flüchtigen Bekanntschaft mit dem anderen Schüler seine Offenheit
aufrecht zu erhalten, er verließ die Gruppe, als seine Symptomatik für ihn im
Alltag nicht mehr relevant war. S. traute sich nicht, sich regelhaft zu verabschieden,
konnte jedoch in der letzten Sitzung, kurz vor Ende, mitteilen, dass er die
Therapie beenden wollte. Im
katamnestischen Kontakt berichtete S., dass er weiterhin am Gymnasium sei, dass
seine Noten ausreichend seien und er kurz vor dem Abitur stünde. Er sei
mittlerweile in einer Partei aktiv und habe Kontakt zu mehreren Schulkameraden.
Er lebte weiterhin mit seiner Mutter und hatte sporadischen Kontakt zum Vater.
Er äußerte sich über seine Lebensgestaltung zufrieden und sprach mit der Therapeutin
wie ein alter Bekannter. N. war zum Zeitpunkt der Erstvorstellung 16 Jahre alt und hatte einen
sehr turbulenten Lebensverlauf bereits hinter sich. N. hatte mit 11 Jahren die
Familie verlassen, hatte in verschiedenen Heimen, Wohngruppen, z. T. auf der
Straße gelebt und war sehr bald in die
Drogenszene hineingeraten. N. berichtete, dass sie alle Drogen ausprobiert
hatte, auch vor Heroin hatte sie nicht zurückgeschreckt. Fast sarkastisch
berichtete N., dass mehrere Menschen, die Mutter, der Vater, Sozialarbeiter,
Erzieher versucht hatten, sie zu erziehen oder sie zu einer Behandlung zu
bewegen, sie habe sich immer wieder wegstehlen können. Psychiatrische Kliniken
habe sie mehrere gesehen, ihr sei die Flucht jedoch immer gelungen. N. war wenige
Monate vor der Erstvorstellung zu der Mutter zurückgekehrt und hatte von sich
aus entschieden, doch einen Versuch zu machen, mit ihrer Mutter und mit ihrem
Bruder zusammenzuleben und die Schule zu besuchen. Gerade der kleine Bruder sei
für sie ein wichtiger Grund gewesen, um in die Familie zurückzukehren. Zum
Vater hatte N. ein recht ambivalentes Verhältnis. Der Vater war Alkoholiker,
sie hatten zeitweise zusammen gesoffen, sie hatten aber auch massiv miteinander
gekämpft. N. ging offen damit um, dass sie sich auch andere Therapeuten
anschauen wollte, sie wolle jemanden finden, der ihr zumindest sympathisch sei.
Von Therapie halte sie eigentlich gar nichts. Einige Wochen nach der Erstvorstellung
kam sie erneut und teilte mit, dass sie sich für unsere Praxis entschieden
hatte. Sie
ließ sich testpsychologisch prüfen, sie
beschäftigte sich sehr intensiv mit ihrem Intelligenzquotient, der recht gut
war und sagte sarkastisch: "Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte mein
Hirn schon kaputt gekriegt.". An dieser Stelle entschied sie, eine
Einzeltherapie zu beginnen, die sich mit viel Mühe, viel Ambivalenz,
wiederholten Fehlzeiten und viel Kampf doch durchführte. Der turbulente Verlauf
ließ einen Erfolg der Behandlung immer wieder anzweifeln. N. zog in eine eigene
Wohnung und bekam eine Betreuerin, mit der sie viel Streit anzettelte und sich
letztlich von ihr distanzierte. Nach ca. 25 Stunden wurde N. rückfällig und
konsumierte massiv Cannabis und Alkohol. Sie besuchte die Schule nicht mehr,
nahm keinen Kontakt zu der Mutter auf und schwänzte die Therapie. Lediglich
telefonisch war sie manchmal in der Lage, sich zu melden. Nach einer längeren
Pause kam N. wieder in die Praxis, schaffte es über die kritische Rückfallphase
mit der Therapeutin zu reden, bat um eine Fortsetzung der Therapie. Nach ca. 40
Stunden war N. soweit stabilisiert, dass sie Abstand von den Drogen genommen
hatte, die Schule wieder regelmäßig besuchte und nebenbei arbeitete.
Konfrontiert mit der Möglichkeit, eine Gruppenpsychotherapie anzuschließen,
wurde N. sehr skeptisch, sie wollte nicht, dass andere Menschen ihre Schwächen
sehen. Jedoch bejahte sie und kam. N. nahm an der Gruppe, man könnte sagen, als
Sozialarbeiterin teil, sie hatte für jeden einen guten Ratschlag, war sehr
aufmerksam, interessiert und einfühlsam und hatte für alle Probleme eine Lösung
parat. Sie verschwieg ihre Problematik, erzählte vieles von sich, z.B. über ihr
Verhältnis zur Mutter oder zum Vater oder zum Bruder, nur das Thema
"Drogen" klammerte sie aus. Später schaffte sie es jedoch, zu
erwähnen, dass es Dinge gäbe, über die sie nicht reden könne, weil sie viel
Scham empfand und sie selbst nicht akzeptieren könne, was sie getan hatte. Die
Gruppe war für N. so etwas wie ein Vertreter ihres Gewissens, sie begann in der
Gruppe zu spüren, dass sie ihre Kindheit sehr früh aufgegeben hatte und dass
sie große Schwierigkeiten hatte, es anzunehmen. An dieser entscheidenden Stelle
stabilisierte sich N. und beendete die Gruppe. Sie nahm noch sporadisch einige
Kontakt zur Therapeutin auf. Im
katamnestischen Kontakt, gut zwei Jahre später, erzählte N., dass sie umgezogen
sei. Sie lebte weiterhin alleine, hatte jedoch einen festen Freund und guten
Kontakt zu ihrer Mutter. Sie hatte mittlerweile einen Führerschein machen
können und unterhielt ein Auto. Sie hatte eine feste Arbeitsstelle als
Elektrikerin und die Arbeit machte ihr sehr viel Spaß. Sie war sehr erfreut
gefragt zu werden und sagte, dass sie eigentlich oft überlegt hatte, in der
Praxis vorbeizukommen um über das eine oder andere zu reden, und sie ergänzte
lachend, dass sie jedes Mal eigentlich gewusst habe, was die Therapeutin gesagt
hätte. Eine Internalisierung der therapeutischen Beziehung war möglich gewesen. J. war 18 Jahre alt, als sie zur Erstvorstellung alleine kam. Sie war
eine hervorragende Schülerin in der 13. Klasse des Gymnasiums.
Vorstellungsgrund war eine bulimische Entwicklung, die sie sehr beschämte und
die sie geheim hielt. J. lebte mit den Eltern zusammen, hatte eine jüngere
Schwester und einen Freund. Die Vorstellung einer Gruppentherapie regte J. sehr
auf, sie betonte, dass sie sich nicht vorstellen könne, ihre Probleme anderen
Leuten mitzuteilen, und dass sie Angst habe, dass die anderen sie für krank
halten könnten. Sie kam jedoch, sehr gewissenhaft, regelmäßig und war zuerst
überrascht, von anderen offen zu hören, was diese für Probleme mit sich und
anderen hatten. Das ermutigte J. einmal recht impulsiv ihre Problematik fast in
einem Atemzug zu schildern. Sie war danach erleichtert, als wäre sie etwas
losgeworden. Sie konnte anfangen zu reflektieren, was das Essen und Brechen für
sie bedeuteten, gerade als Affekt- und Impulsentlastung. Zentral
konnte sie die Beziehung zur Schwester bewegen, der gegenüber sie
überwältigenden Hass und Neid, aber auch Eifersucht empfand. Sie fühlte sich
von der Schwester regelrecht bedroht, sie verachtete die Schwester, die weder
gut noch schön in ihren Augen war, und konnte ihre Eltern nicht verstehen, die
dieses Kind so offensichtlich gerne hatten. Die Gruppe konnte mit J. das Thema
der Geschwisterbeziehungen tiefgehend bewegen, viele Erfahrungen wurden
gesammelt, Lebendigkeit entstand, auffällig war eine vorübergehende Koalition
aller Erstgeborenen der Gruppe gegenüber den Zweit- und Drittgeborenen der
Gruppe, aber auch im Abgrenzung zu den Einzelkindern. Die Erstgeborenen hatten
den Eindruck, es sehr schwer zu haben, die Eltern oft zu unterstützen, Erziehungsfunktion
für die jüngeren zu übernehmen und nicht genug Gratifikation zu bekommen. J.
konnte die Schamgefühle ertragen und später relativieren, sie erfuhr sich als
eine Gruppenteilnehmerin, die viel geben und nehmen konnte und ihre Affekte
regulieren konnte. Sie verabschiedete sich regelhaft und mit langfristiger Ankündigung.
Sie plante nach Amerika zu gehen und konnte in der Gruppe auch ihre Ängste vor
einem Rückfall dort bewegen und Fürsorge für sich tragen. Im
katamnestischen Kontakt berichtete J. recht zugewandt, dass sie das Abitur mit
besten Noten bestanden hatte und angefangen hatte, nach einem einjährigen
Aufenthalt in Amerika, Sport und Englisch zu studieren. Sie hatte von dem
Amerikaaufenthalt recht viel profitiert und hatte innerlich eine Verbindung zur
Gruppe beibehalten. Die Symptomatik war nicht mehr aufgetreten. Gesamtteilnehmerzahl Alter 16-21 N 33 % Weiblich 21 Männlich 12 Regelhaft
verabschiedet Kurzfristig
verabschiedet Abgebrochen
mit weiterem Einzelkontakt Abgebrochen
ohne weiteren Kontakt Weiterhin
teilnehmend >
als 6 Sitzungen 9 3 6 8 7 27,27 9,09 18,18 24,24 21,21 5 2 4 5 5 4 1 2 3 2 Die Patienten, die regelhaft die
Gruppenpsychotherapie beendeten, gehörten zum neurotischen oder
depressiv-narzisstischen Störungsniveau mit Internalisierung (7). Zwei
Patienten gehörten zum Borderline-Störungsniveau mit Externalisierung. Die
nachträgliche Betrachtung der Gruppentherapiepopulation verdeutlicht einige
Aspekte, die sicherlich nicht nur für Gruppenpsychotherapie charakteristisch
sind. In
dieser Altersstufe ist ein deutlicher Überschuss des weiblichen Geschlechts zu
verzeichnen, sowie auch die auffällig große Zahl der Gymnasiasten, Gesamt- und
Realschüler und derjenigen, die sich bereits in einer beruflichen Ausbildung
befanden. Sonderschüler nahmen an der Gruppe nicht teil. Das einzige Gruppenmitglied,
das eine Sonderschule besucht hatte, war ein Junge, der sich bereits in einer
beruflichen Ausbildung befand und in einer Wohngruppe wohnte. Sicherlich
nicht erstaunlich ist auch die Feststellung, daß 21 Gruppenteilnehmer noch bei
ihren Eltern wohnten und der deutschen Kultur zugehörten. Der Anteil der
Ausländer war gering, die ausländischen Mädchen besuchten entweder das
Gymnasium oder die Gesamtschule, der Junge ebenfalls die Gesamtschule. Tabelle 5: Behandlungserfolg Gesamtteilnehmerzahl Alter 16-21 N 33 % Weiblich 21 Männlich 12 Psychosozial
positiv Psychosozial
gleichbleibend Psychosozial
negativ Symptomatisch
positiv Symptomatisch
gleichbleibend Symptomatisch
negativ Subjektiv
positiv Subjektiv
gleichbleibend Subjektiv
negativ 16 1 0 16 7 0 16 2 1 48,48 3,03 - 48,48 21,21 - 48,48 6,06 9,09 11 1 - 11 4 - 11 2 1 5 - - 5 3 - 5 - - Bei den Patienten, die die Gruppe regelhaft
beendeten, zeigte sich auf allen drei Ebenen eine positive Entwicklung sowohl
zum Zeitpunkt der Beendigung als auch katanamnestisch. Die
Ebene der Störungsbilder bzw. des Störungsniveaus zeigt ein deutliches Überwiegen
der neurotisch-internalisierenden bzw. der
narzisstisch-depressiv-internalisierenden Störungen, während Borderlinestörungen
seltener vorkamen. Insgesamt sind die externalisierenden Störungen weniger
vertreten. Es wird jedoch erwähnt, dass drei Gruppenmitglieder, zwei weibliche
und ein männliches, mit externalisierenden Störungen auf Borderline-Ebene die
Gruppe längerfristig besuchten und sich regelrecht verabschiedeten und katamnestisch
über eine recht gute Entwicklung berichten konnten. Gerade
bei narzisstisch-depressiven Störungsbildern war die vorausgegangene
Einzeltherapie eine günstige Vorbereitung auf die gruppale Arbeit, sie schaffte
in mehreren Fällen sicherlich die Voraussetzungen für eine Teilnahme an der
Gruppe, jedoch waren die meisten Gruppenteilnehmer nicht therapieerfahren und
die Gruppenpsychotherapie blieb die einzige Therapieform. Die
Beendigung der Gruppenpsychotherapie fand meistens regelhaft statt oder
zumindest wurde die Absicht, die Therapie zu beenden, kurzfristig mitgeteilt.
Eine kleinere Gruppe entschied sich, die Gruppenpsychotherapie abzubrechen, den
Kontakt zur Praxis jedoch im Einzel- oder im Familiensetting beizubehalten.
Unter denjenigen, die ohne Abschied und ohne weitere Kontakte die Gruppenpsychotherapie
beendet hatten, zeigte sich katamnestisch in den meisten Fällen, dass die
Jugendlichen einfach den Eindruck hatten, dass ihnen die Therapiezeit reichte,
ohne dass sie feindselige Gefühle gegenüber der Gruppe oder den Therapeuten
entwickelt hätten. Lediglich
eine Patientin mit einer depressiven internalisierenden Störung nahm nach
Beendigung der Gruppenpsychotherapie eine stationäre Behandlung auf, und
befindet sich an anderer Stelle noch in Einzelpsychotherapie. In der Gruppe
hatte diese Patientin immer wieder die Meinung vertreten, dass sie von der
Gruppe nicht genug bekommen konnte. Ein
Patient mit einer massiven Adipositas per magna hatte sein Symptom nicht
verändern können, hatte jedoch nach Beendigung der Therapie relevant
abgenommen. Sein Thema war gewesen, dass er es alleine schaffen wollte. Relevanz der Gruppenpsychotherapie für die ambulante
Behandlung Jugendlicher Fasst
man die theoretischen und praktischen Betrachtungen zusammen, so wird deutlich,
dass gerade für Adoleszenten die Gruppenpsychotherapie eine effiziente und
altersadäquate Behandlungsform darstellt. Die personellen und fachlichen
Voraussetzungen sind jedoch entscheidend, um langfristig das Angebot im Rahmen
einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis zu etablieren. Aus
ökonomischer Sicht ist sowohl eine Behandlung als gruppenpsychiatrischer als
auch als gruppenpsychotherapeutischer Ansatz denkbar, da der kinder- und
jugendpsychiatrischen Praxis beide Möglichkeiten offen stehen. Die halboffene
Struktur der Gruppe ermöglicht es, die Teilnehmerzahl, trotz sprunghaftem
Verhalten der Jugendlichen zwischen 6 und 10, oszillieren zu lassen, eine Zahl,
die auch unter ökonomischen Gesichtspunkten eine kontinuierliche Arbeit
ermöglicht. Für
den praktisch-strukturellen Praxisablauf und die Versorgung der Patienten sehen
wir in der Gruppenpsychotherapie eine Möglichkeit, bei gegebener Indikation,
lange Wartezeiten zu vermeiden und je nach psychosozialem, motivationalem und
störungsspezifischem Hintergrund mit unterschiedlichen Settingmöglichkeiten
flexibel umgehen zu können. Der
Erfolg der Behandlung scheint nicht nur mit dem Störungsniveau oder den
Störungsbildern alleine zusammenzuhängen, sondern mit vielen anderen Faktoren,
die im einzelnen Patienten wirken. Die
Bindungsfähigkeit, die sich auf die therapeutische Beziehung und auf die
Beziehung zu den anderen Gruppenteilnehmern überträgt, stellt einen bedeutsamen
Aspekt bzgl. der Fähigkeit zur Kontinuität dar. Auch Loyalitätsbestrebungen den
Eltern gegenüber, besonders wenn die Eltern die Veränderungen ihrer Kinder im
Therapieverlauf als für die eigene Beziehung bedrohlich i. S. von trennend
erleben, sind für den Verlauf sehr relevant. Die
Autonomiewünsche "Ich schaffe es alleine!", die Schamkonflikte und
nicht zuletzt die Kollision mit anderen
schulischen oder privaten Verpflichtungen oder Interessen können die
therapeutische Arbeit, sicher nicht nur im gruppentherapeutischen Setting, in
Frage stellen. Unsere Erfahrung ermutigt uns zu einer recht offenen, kontroversen
und manchmal auch schmerzlichen Auseinandersetzung mit diesen Themen in der
Gruppe selbst, d.h. eine Bewegung des individuellen, aber auch des kollektiven
Widerstands. Zuletzt
möchten wir erwähnen, dass sich in der Praxis zwei weitere psychotherapeutische
Gruppen etabliert haben, die jünger sind als die der Adoleszenten, weshalb wir
nicht intensiv auf sie eingegangen sind. Der Zeitraum für die katamnestischen
Daten wäre noch zu kurzfristig. Die
eine Gruppe arbeitet mit 12 bis 14jährigen Jungen und wird von zwei Diplompädagogen
geleitet, die zweite arbeitet mit 12 bis 15jährigen Mädchen und wird von einer
Diplompädagogin und einer Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie geleitet. In
diesen Gruppen wird die Arbeit der Altersstufe der Frühpubertät angepasst,
weshalb auch eine geschlechtsspezifische Zusammensetzung gewählt wurde. Ohne
tiefer auf diese zuletzt genannten Angebote einzugehen, zeigt unsere Erfahrung,
dass die Gruppenpsychotherapie eine effiziente und ökonomisch realisierbare
Möglichkeit bietet, Jugendliche unter Berücksichtigung sozialer Aspekte zu
behandeln und, nicht zuletzt, viel Freude in der gemeinsamen Arbeit der
Gruppenteilnehmer untereinander und der Cotherapeuten zu erleben. Literaturauswahl: Battegay, R.: Das Menschbild in der analytischen Gruppenpsychotherapie, Gruppenpsychother.,
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Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 35: 257- 274 Tschuschke,V.: ( Hrsg.) ( 2001 ) Praxis der Gruppenpsychotherapie, Stuttgart: Thieme. Willi, Jörg: Ko- Evolution
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1989 ) Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Ein Lehrbuch. Pfeiffer,
München. Yalom, I:D.: ( 1995 ) Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Ein Lehrbuch,
1996. 4. Aufl., München, Pfeiffer ). Fachärztin für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und –psychotherapie Friedrich-Engels-Allee 268 Facharzt
für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie Facharzt für Psychotherapeutische
Medizin [1] Im Folgenden
wird vorausgesetzt, dass die männliche Bezeichnung sowohl das Männliche als
auch das Weibliche beinhaltet. |