Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 4 - 2003

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 4 - 2003

Rezension

Conen, Marie–Luise (Hrsg.) Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden. Aufsuchende Familientherapie. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2002, 238 Seiten. Preis 24,90 €.

Conen, Marie–Luise (Hrsg.) Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden. Aufsuchende Familientherapie. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2002, 238 Seiten. Preis 24,90 €.

 

Das Konzept der aufsuchenden Familientherapie ist nun seit gut zehn Jahren in Deutschland mit dem Namen Marie-Luise Conen und dem Berliner Context-Institut verbunden.

1999 und 2000 fanden in Deutschland erste wichtigen Fachtagungen zu diesem Thema statt. Einige Beiträge des Buches basieren auf Vorträgen der beiden Veranstaltungen. Neben den ersten zwei umfangreichen Kapiteln der Herausgeberin zur Resilienzforschung und aufsuchender Familientherapie finden wir noch Beiträge von sechs weiteren Autoren.

Der Abschnitt über die Resilienzforschung stellt eine ausgezeichnete Zusammenfassung dieses Ansatzes mit Erwähnung wichtiger neuerer Arbeiten dar, die zumeist ihre Wurzeln in der Life-Event- Forschung haben und in Verbindung mit der Vulnerabilitätstheorie stehen. Der im deutschsprachigen Raum noch wenig gebräuchliche Begriff der Resilienz stammt aus dem Englischen und beschreibt in einem naturwissenschaftlichen Kontext die Fähigkeit einer Substanz oder eines Gegenstandes, in die vorherige Form zurückzukehren. In einem psychosozialen Kontext handelt es sich eher um die Fähigkeit zu einer erfolgreichen Anpassung. Es geht um die psychische Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit, schwierige und widrige Lebensumstände sowie Not und Traumata zu überwinden. Die Anpassung der Menschen wird durch die Wechselwirkung von bestehenden Risikofaktoren, belastenden Lebensereignissen und protektiven Faktoren beeinflusst. Zu den Hauptrisikofaktoren können z.B. zum Zeitpunkt der Geburt chronische Armut, genetische Beeinträchtigungen, sowie psychotisches Verhalten der Eltern gehören. Akute oder zeitlich begrenzte Lebensereignisse können die psychosoziale Entwicklung beeinträchtigen. Dazu zählen z.B. Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte, vorübergehende Trennung und Scheidung der Eltern, Tod des Partners, eines Elternteils, eines Geschwisters oder eines Freundes, Heirat, Schwangerschaft, die ersten zwei Jahre nach der Geburt eines Geschwisters, Schulwechsel, Vergewaltigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch. Das gleichzeitige Vorliegen mehrer Risikofaktoren führt in der Regel zu einem deutlichen Anstieg eines Störungsrisikos. Auch die kleinen nervenden und frustrierenden alltäglichen Erfahrungen, die sog. „hassles“, können einen wichtigen Einfluss ausüben. Erst die Anhäufung der Alltagsfrustrationen und kritischen Lebensereignisse führt zum Problemverhalten der Kinder und zur Verunsicherung der Eltern. Zu den sog. „protektiven Faktoren“ gehören z.B. eine hohe Intelligenz, großer Wortschatz, Schulabschluss, leistungsorientiertes Arbeiten in der Schule, starkes Interesse der Eltern an der Bildung des Kindes, Verbleib in der Schule bis mindestens zum 17. Lebensjahr, keine oder wenige Freunde, nicht delinquente Freunde, Freunde in der Schule, größere Ängstlichkeit, starkes Introvertiertsein, hohe Beliebtheit bei anderen Kindern und Jugendlichen, hohes Selbstwertgefühl sowie Kirchenbesuch. Resiliente Kinder und Jugendliche können daran erkannt werden, dass sie in ihrer Problembewältigung aktiver sind und Probleme ansprechen. Sie holen sich wichtige Informationen und Rat bei Freunden oder anderen Erwachsenen. Sie verfügen meist über eine größere Frustrationstoleranz, sind aufgeschlossener und verhalten sich ruhiger. Klare Verhaltensregeln, Strukturierung des Alltags und konsequente Erziehungsdisziplin der Eltern sind weitere wichtige Schutzfaktoren für eine positive Entwicklung des Kindes. Außerfamiliäre Bezugspersonen, Freunde und Kontakte können sich auch positiv auswirken und die Lücke füllen, die eigene Eltern manchmal offen lassen könnten. Die Abwesenheit des Vaters in der Kindheit ist bei Jungen häufiger mit negativen Folgen verknüpft, als das bei den Mädchen der Fall ist. Potentiell gefährdende Ereignisse können jedoch immer auch einen „stählenden Effekt“ ausüben, wenn sie erfolgreich bewältigt werden konnten.

Die Erkenntnisse der Resilienzforschung könnten dazu führen, viele früher in der Psychologie verbreitete Überzeugungen in Frage zu stellen. Es kann nicht, wie es z.B. oft bei psychoanalytisch ausgebildeten Therapeuten der Fall ist, automatisch angenommen werden, dass schwierige Situationen oder traumatische Erfahrungen sich grundsätzlich negativ auf die weitere Lebensbewältigung auswirken müssen. Es stellt sich auch die Frage, ob im Rahmen einer Therapie bestehende oder vermutete Bindungsdefizite „kompensiert“ werden sollten und der Mensch und Patient immer das „Opfer seiner Kindheit“ sein muss. Eine tröstliche Erkenntnis ist, dass Resilienz zu jedem Lebenszeitpunkt entwickelt werden und dazu beitragen kann, auch in schwierigen Lebenssituationen Lösungswege zu finden.

 

Der zweite Abschnitt des Buches ist der Praxis der aufsuchenden Familientherapie gewidmet. Dabei ist es an erster Stelle wichtig einen Zugang zur Familie zu finden. Wenn nötig, sollen auch die vom Jugendamt auferlegten Zwänge oder vom Richter diktierte Auflagen konstruktiv genutzt werden. Ein möglicher Ausgangspunkt für die aufsuchende Familientherapie könnte z.B. sein, dabei zu helfen die Therapeuten wieder loszuwerden oder zu helfen dem Jugendamt zu beweisen, dass alles wieder in Ordnung ist. Die aufsuchende Arbeit mit Familien soll immer in Co-Therapie und in einem Zeitraum von 6-12 Monaten durchgeführt werden. Die auf Tom Anderson zurückgehende Methode des Reflecting Team stellt ein wichtiges Arbeitsinstrument dar. Die Therapie findet immer in der Wohnung der betreffenden Familie statt. Das bedeutet, dass die Therapeuten vor Ort vielfältigen Störungen ausgesetzt werden können, die jedoch respektiert und reflektiert werden. In der Regel werden auch Botschaften und Sichtweisen der Herkunftsfamilien miteinbezogen, d.h. oft sind die Beurteilungen der Großeltern bedeutsam und werden in den therapeutischen Prozess mit eingebracht. Die Kinder sollen in ihrer Eigenständigkeit und ihren Willensbekundungen wahrgenommen werden. Die aufsuchende Familientherapie sollte sich an Familien richten, die aufgrund ihrer erschwerten Lebensbedingungen und Armut, meist „Multiproblemfamilien“ von den klassischen „Komm-Struktur-Angeboten“ nicht profitieren können. Mögliche Ziele könnten sein: Heimunterbringung oder Vermittlung in eine Pflegefamilie verhindern helfen und Rückführung der Kinder in die Ursprungsfamilie. Häufige Probleme dabei sind Alkohol- und Drogenmissbrauch der Eltern, Misshandlung und Gewalt innerhalb der Familie, sexuelle Misshandlung der Kinder, Trennungs- und Scheidungssituationen, delinquentes Verhalten, Schulprobleme etc. Eine ca. 6 Monate dauernde aufsuchende Familientherapie könnte in fünf Phasen unterteilt werden. Nach einer ersten Vorbereitung geht es in der zweiten Phase um Auftragsklärung und Ressourcenorientierung. Die dritte Phase ist Problemlösungen gewidmet. Danach geht es um Stabilisierung des Erreichten und den Abschluss. In der Nachphase sollte die Familie in die Lage versetzt werden, bei auftretenden Problemen sich selbständig um weitere Hilfen zu bemühen. Die Bedeutung der Kooperation mit anderen Helfersystemen sowie der Evaluation des Verlaufes werden hervorgehoben. Anhand von Beispielen wird beschrieben, wie die Therapie finanziert werden kann.

Angelika Golz beschreibt in ihren beiden Beiträgen, dass kurzzeitorientierte Hilfeansätze sich bei „Multiproblemfamilien“ bewährt haben und wie die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und anderen Helfersystemen gestaltet werden kann. Hartmut Voglau, Ralf Heppich und Wolfgang Pauly beschreiben, wie das Co-Therapie-Setting im familiären Wohnzimmer zu nutzten ist. Margit Müller beschreibt die Besonderheiten der aufsuchenden Familientherapie im ländlichen Raum. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Ivo Nicolai über die Möglichkeiten der Selbstevaluation.

Ein insgesamt gut durchdachtes und nützliches Konzept, das die Stärken eines strukturellen Ansatzes mit der Kreativität der „Mailänder Schule“ verbindet. Insgesamt kann die aufsuchende Familientherapie in Zukunft eine wichtige Anregung auch für die kinder- und jugendpsychiatrische Arbeit gelten. Als problematisch könnten sich jedoch die an die Therapeuten gestellten Anforderungen herausstellen. Die 1999 verabschiedeten Ausbildungsstandards richten sich nicht nach dem Psychotherapeutengesetz und könnten die Gefahr einer Art „Zwei-Klassen-Psychotherapie“ fördern. Viele Nutzer der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste und insbesondere die sog. „Muliproblemfamilien“ könnten auch von diesem bereits im In- und Ausland erprobten „Hometreatment“-Konzept profitieren. Auch der Versuch, von einer sozialpsychiatrischen Praxis und einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik sowie Tagesklinik aus Familien zu erreichen, könnte trotz der noch etwas spärlichen Evaluationsergebnisse sehr lohnenswert sein.

 

Dr.med. Bodo Christian Pisarsky, Berlin