Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und PsychotherapieHeft 4 - 2003 Tagungsbericht2. Österreichischer Autismuskongress in Wien, 30.05. bis 1.6.2003 - anlässlich des 20jährigen Bestehens des Kindertagesheims für Klein- und Schulkinder mit Autismus samt Sonderpädagogischer Ambulanz sowie des Zentrums für Autismus und spezielle Entwicklungsstörungen „ZASPE – 1. Asperger Institut“ in Wien. Tina
Massinger und Dr. Renate Grimmlinger ADHD und
Asperger Autismus
„ADHD
kommt selten allein!“ ist fast eine psychiatrische Binsenweisheit.
Komorbiditäten spielen bei ADHD eine große Rolle. So sind vor allem Angst-, Tick- und Zwangsstörungen, aber auch Depressionen
und leichte Formen aus dem autistischen
Spektrum häufig neben einer ADHD zu beobachten. Komorbiditäten können das
eigentliche Störungs- bzw. Krankheitsgeschehen so überlagern, dass es zu
Fehldiagnosen und -behandlungen kommt. Es ist deshalb sehr wichtig, sie
differentialdiagnostisch zu erfassen und bei der Therapieplanung zu
berücksichtigen. Nur dann ist den Betroffenen wirksam zu helfen. Bei der o.a. Veranstaltung wurden Referate und
Workshops von Referenten aus dem In- und Ausland geleitet, z.B. von Prof. Dr.
Helmut Remschmidt, Prof. Poustka u.v.a. Der folgende Tagungsbericht ist fokussiert auf
Vorträge von Frau Dr. Elvira Muchitsch
und Mag. Dr. Kathrin Hippler. Einleitung Frau GR Erika Stubenvoll,
Vorsitzende der Wiener Behindertenkommission, eröffnete den Kongress und wies
darauf hin, dass Wien viel zur Autismusforschung beigetragen hat. In Wien gibt es
langjährige Erfahrung in Diagnostik und Therapie für Menschen mit Autismus: Das
Krankheitsbild „Asperger-Syndrom“ wurde erstmals von dem Wiener Arzt und
Heilpädagogen Prof. Hans Asperger 1944 beschrieben und behandelt. Die beiden
Psychologinnen Dr. Elvira Muchitsch und Tochter Mag. Muchitsch haben seit 1983
wertvolle Pionierarbeit in Diagnostik, Therapie, Förderung und Betreuung geleistet
Besonders wichtig ist die gezielte Förderung und Elternarbeit, die in den oben
erwähnten Institutionen auf hervorragende Weise verwirklicht wird. Das Netzwerk
reicht dabei von Kindergartenkindern bis zur Erwachsenenbetreuung. Gerade
durch den Fokus auf den Asperger-Autismus stellen sich neue Fragen: Inwieweit
gibt es Zusammenhänge und Unterschiede zwischen ADHS und Asperger-Syndrom? So
viel steht fest: Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden
Störungsbildern gibt es! In der Fachliteratur wird das Asperger-Syndrom diagnostisch dem
Autismusspektrum zugeordnet. Es befindet sich am mildesten Ende dieses Spektrums
und bildet den Übergang vom ADHD zum Autismus. Mit einzelnen Symptomen kann es
mehr in das eine oder in das andere Spektrum hineinragen. Das Therapiekonzept mit
Elternschulung, Verhaltenstherapie, Lerntherapie, Sozialtraining und ggf.
medikamentöser Therapie (Ritalin), das in Wien für autistische Menschen schon
lange verwirklicht wurde, entspricht dem Netzwerk, welches wir uns auch für
ADHS Kinder wünschen! Diagnostik Auf Grundlagen zum Asperger Syndrom gingen die
Vorträge von Frau Dr. Elvira Muchitsch und Mag. Dr. Kathrin Hippler ein:
Das
Störungsbild dieses Namens wurde von dem Wiener Kinderarzt und Leiter der
Heilpädagogischen Station der Universitäts-Kinderklinik
Dr. Hans Asperger 1944 erstmals beschrieben. Dr. Lorna Wing machte das Asperger Syndrom 1981
international bekannt. 1993/94 wurde das Asperger
Syndrom in die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV aufgenommen. Es ist dem
Autismusspektrum - und somit den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen -
zugeordnet. Leitsymptome
des Asperger Syndroms sind die -
qualitative Beeinträchtigung der
sozialen Interaktionen (Blickverhalten, Mimik, Gestik, Gesprächs- und Kontaktanbahnung,
Dialogfähigkeit, Verständnis für Gefühle und soziale Signale anderer) -
ungewöhnliche und sehr
ausgeprägte umschriebene Interessen (Astronomie, Computer, Verkehrsnetze etc.)
sowie stereotype Verhaltensmuster und Routinen -
frühe Sprachentwicklung (erste
Worte zischen dem 1. und 2. Lebensjahr oder noch früher) -
hochstehende,
grammatikalisch richtige, originelle Sprache mit Wortneuschöpfungen,
Auffälligkeiten in Sprachrhythmus, Aussprache, Sprechgeschwindigkeit oder
Tonhöhe. Die
meisten Asperger-Persönlichkeiten besitzen eine normale Intelligenz bis hin zur
Hochbegabung. Häufig sind Muskeltonus und Motorik (Bewegungsablauf und Bewegungsfluss) auffällig. Die Störung tritt laut
ICD-10 vorwiegend bei Buben (Verhältnis 8:1) auf. Im
Unterschied zum „frühkindlichen Autismus“ liegt beim Asperger Syndrom keine allgemeine Entwicklungsverzögerung
und kein Entwicklungsrückstand der
Sprache vor. Man
geht heute - aufgrund von Studien von Familien - davon aus, dass die genetische
Komponente bei der Entstehung dieses Syndroms eine große Rolle spielt. Diagnostische Überschneidungen mit ADHD In
jüngster Zeit ergeben sich immer öfter Hinweise darauf, dass Asperger-Syndrom
und ADHD aufgrund ihrer teilweisen Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild (z. B.
spielt Hyperaktivität auch beim Asperger-Syndrom eine Rolle) von manchen
Diagnostikern differentialdiagnostisch nicht eindeutig abgegrenzt werden kann
und daher verwechselt wird. Diesbezügliche Studienergebnisse stehen aber noch
aus.
Auch das gemeinsame Auftreten der beiden
Störungsbilder ist bekannt. Besondere Fähigkeiten Dr.
Elvira Muchitsch (Leiterin des Vereins „Autistenzentrum ARCHE NOAH“ zur
beruflichen und sozialen Rehabilitation und Integration von Autisten und
Menschen mit anderen Behinderungen) legte in ihrem Vortrag Wert darauf,
Menschen mit Asperger-Syndrom NICHT als Patienten zu sehen, sondern als
Menschen, welche die Welt und deren
Geschehnisse aus einer anderen Sichtweise und Warte sehen („….und es gibt keine
richtige versus kranke Warte…es gibt viele Warten“): Menschen mit Asperger Syndrom haben eine andere Art
der Objektbetrachtung. Sie haben Einsichten, Wahrnehmungen, Betrachtungen etc.,
die wir nicht haben. Hat
man – wie Dr. Muchitsch es nennt - „ein Organ“ für Botschaften von Menschen mit
Asperger-Syndrom, so kann man ihr Verhalten verstehen und viel von ihnen
lernen. Sie können uns in eine Welt führen, die wir nicht kennen. Man
geht heute davon aus, dass - ohne Menschen mit Asperger- Syndrom - so manche
Erfindung nie gemacht, so manches Musikstück nie komponiert oder so manches
Buch nie geschrieben worden wäre. Asperger-Persönlichkeiten haben die Gabe in
ihren Tätigkeiten, Stunden über Stunden, Tage über Tage, bis ins kleinste
Detail vorzudringen. Gewisse Entdeckungen und Werke sind überhaupt erst durch
diese Fähigkeit der speziellen Konzentration möglich
geworden. In
der Therapie darf man Asperger-Persönlichkeiten deshalb ihre „andere Sicht der
Dinge“ nicht nehmen, sondern die Therapie sollte lediglich ein besseres
gegenseitiges Verstehen ermöglichen. Hans Asperger selbst beschrieb dieses Phänomen
nicht nur als Störung, sondern er war fasziniert von diesen Menschen und ihrem
originellen Erleben und Verhalten. Defizite in sozialen Fertigkeiten Trotz
einer grundsätzlich positiven Sicht darf nicht vergessen werden, dass Menschen
mit Asperger-Syndrom meist große Defizite in den sozialen Fertigkeiten
aufweisen, und es dadurch zu einer ganzen Reihe von Problemen und Schwierigkeiten
kommen kann (Probleme am Arbeitsplatz, Ehe- und Beziehungsprobleme, Schulprobleme
bei Kindern etc.). Mit
speziellen Besonderheiten im Erleben und Verhalten von Menschen mit Asperger
Syndrom muss man immer rechnen: So
kann beispielsweise ihre Stimmung in Bruchteilen von Sekunden von normaler
Befindlichkeit in Wut umschlagen. Sie fassen oft Handlungen anderer als böse
auf, die aber nicht böse gemeint waren, d.h. sie beziehen etwas auf sich, was
vielleicht nur Irrtum oder Fehlleistung anderer war (macht ihnen jemand
beispielsweise aus Versehen „die Türe vor der Nase zu“, unterstellen sie dieser
Person oft Absicht und Böswilligkeit). Menschen
mit Asperger-Syndrom geben auch häufig keine „sozial erwünschten“ Antworten.
Sie sind direkt und absolut ehrlich in ihren Antworten, selbst wenn diese einen
Nachteil für sie selbst bedeuten oder wenn dadurch andere Menschen in
Verlegenheit gebracht oder beleidigt werden. Asperger-Persönlichkeiten
zeigen meist auch kein „Werbeverhalten“ oder zumindest keine Zwischenstufen
beim Werbeverhalten (Ansatzlos - und OHNE jedes Herantasten - lädt z.B. ein
junger Mann mit Asperger-Syndrom ein junges Mädchen ein mit ihm zu kommen). Besonders
für junge Männer mit Asperger-Syndrom kann die soziale Ungeschicklichkeit oft
zum Problem werden und es ihnen schwer machen, eine Freundin/Frau zu finden. Typisch
für Menschen mit Asperger-Syndrom ist auch ihre sprachliche Originalität bzw.
das Bilden von Neologismen. Frau Dr. E. Muchitsch brachte in ihrem Vortrag
Originalzitate von 11- und 12-jährigen Buben (aus Aspergers „Autistische
Psychopathen“): - Ein Bub wurde gefragt, was der Unterschied zwischen
Leiter und Stiege sei. Er antwortete: Die Leiter ist spitz, die Stiege ist
so schlangenringelig. - Ein anderer Bub sagte,
als er sich schwer tat etwas in Worte zu fassen: Mündlich kann ich es nicht,
aber köpflich weiß ich es. - Wieder ein anderer Bub sagte,
als ihm Gemälde gezeigt wurden und er um seine Meinung dazu gefragt wurde: Für
ein Kunstauge sind sie schön, aber für mich nicht. Lebensgeschichtliche Entwicklungen Frau
Mag. Dr. Kathrin Hippler informierte in ihrem Vortrag über einzelne Ergebnisse
ihrer aus drei Teilen bestehenden Dissertation „Die lebensgeschichtliche
Entwicklung von Menschen mit Asperger-Syndrom“: 1. der
‚retrospektiven’ Untersuchung der Akten Aspergers über KINDER mit AS,
2. der Nachuntersuchung dieser heute erwachsenen Gruppe und 3. der
Befragung Erwachsener mit AS in England. Sie
recherchierte die Lebensentwicklung von 48 österreichischen Erwachsenen, die
als Kinder in den Jahren von 1950-1986 die Diagnose „autistische Psychopathie“
( = heutiges Asperger-Syndrom) von Dr. Hans Asperger bzw. seinen Mitarbeitern
erhalten hatten und befragte auch 52 Erwachsenen mit der Diagnose „Asperger Syndrome“
aus England. Nur 68% der in den Akten Aspergers beschriebenen Kinder würden alle Kriterien für die Diagnose „Asperger-Syndrom“ (AS) gemäß heutiger ICD-10 Kriterien erfüllen. 25% der von Hans Asperger als klassische „autistische Psychopathen’’ (also Kinder mit AS) bezeichneten Personen müssten hingegen mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert werden, da bei ihnen eine auffällige bzw. verzögerte Entwicklung bereits vor dem 3. Lebensjahr vorlag. Die heutigen ICD-10 Diagnosekriterien für AS schließen eine allgemeine Entwicklungsverzögerung (der kognitiven und Sprachentwicklung, sowie der Selbsthilfefertigkeiten, des adaptiven Verhaltens und der Neugier an der Umgebung) in der Vorgeschichte aus. Diese Forderung in den aktuellen Diagnosekriterien wird von vielen AutorInnen heute stark angezweifelt.
In der Untersuchung erwachsener Personen mit AS zeigte sich die englische Stichprobe
(Personen mit aktueller Diagnose) als weitaus auffälliger im Vergleich zur
nachuntersuchten Stichprobe Hans Aspergers. Asperger hat immer wieder den
Übergang der ‚autistischen Psychopathie’ zur sog. ‚Normalität’ betont und eher
nur gut bis besser begabte Personen mit sehr ausgeprägten Spezialinteressen und
–begabungen in die Diagnose hineingenommen. So könnte man spekulieren, dass die
in Österreich mit AS diagnostizierte Stichprobe von Vornherein weniger
beeinträchtigt war als die englische Gruppe, da von anderen diagnostischen
Kriterien ausgegangen wurde. Einzelne
Ergebnisse der Lebensentwicklungsdaten jener Erwachsenen, die als Kinder von
Hans Asperger diagnostiziert wurden:
Generell
zeigte sich, dass jene Menschen mit Asperger-Syndrom, die in irgendeiner Form
ihr Hobby/Interesse zum Beruf machen konnten, eine wesentlich bessere
Lebensentwicklung hatten, als jene bei denen dies nicht möglich war. Des Weiteren fiel in der Untersuchung auf, dass
Asperger-Persönlichkeiten signifikant häufiger
in ihren Beziehungen unzufrieden sind als die Personen der Vergleichsgruppe
ohne Asperger Syndrom, und dass diese Menschen „ihre Zufriedenheit“ fast ausschließlich
über ihre Arbeit definieren. Auch
gaben diese Personen sehr häufig an, dass sie innerhalb von Beziehungen oft
nicht wüssten, was der/die Partner/Partnerin eigentlich von ihnen möchte. Auf
die Frage nach „Freundschaft und Freunden“ nannten die Personen mit
Asperger-Syndrom besonders häufig Menschen mit gleichen Interessen bzw.
Arbeitskollegen. Besonders
schwierig für Personen mit Asperger-Syndrom war die Einstiegsfrage, welche
folgendermaßen lautete: „Erzählen Sie in fünf Minuten signifikante
Erlebnisse/Ereignisse aus ihrem Leben.“ Alle hatten hier Probleme spontan über
„Highlights“ aus ihrem Leben zu berichten, was auf Defizite in der „zentralen
Kohärenz“ (Fähigkeit, einzelne Informationen zu einem Gesamtbild zusammenzufassen
bzw. das Wesentliche herauszufiltern) hinweist. Ein Abstract der
Dissertation ist unter http://www.arcs.ac.at/DissDB/diss/UW/GI/trn101145
abrufbar, Publikationen folgen. Kontaktadressen: tina@massinger.at
bzw. Postadresse c/o ADAPT - Arbeitsgruppe zur Förderung von Personen mit
AD/HS u. TLS, A-1030 Wien, Landstr. Hauptstr. 84 katrin.hippler@univie.ac.at
Universitätskinderklinik AKH,
1090 Wien http://www.autismus.at/index.html
: Angebote von ZASPE Wir
bedanken uns bei Frau Barbara Högl, Redaktion Die AKZENTE und 1. Vorsitzende des
Bundesverbandes Arbeitskreis Überaktives Kind (BV AÜK), für Mitgestaltung und Vermittlung. |