Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Heft 4 - 2003
Nichtstun kann er nicht, und wenn er etwas tut, ist es das Grundsätzliche
(Professor Lempp über Professor Eggers am 19.09.2003)
Tagungsbericht
Entstehung, Verlauf und Behandlung der Schizophrenie
bei Kindern und Jugendlichen, 19. und 20 September 2003, Essen
Internationales Symposium der Klinik für
Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters aus Anlass
des 65. Geburtstages von Christian Eggers
Herr Professor Eggers hat sich in hervorragender Weise der schwerkranken
schizophrenen Patienten im Laufe seines Lebens angenommen. Die Sorge um sie ist
zentraler Teil seines Lebenswerkes. Dies findet auch Ausdruck in der Christian-Eggers-Stiftung,
die sich um Trialog zwischen Patient, Angehörigen und Arzt in Übergangswohnheimen
kümmert.
In
seiner Laudatio meinte Professor Lempp: „Nichtstun kann er nicht, und wenn er
etwas tut, ist es das Grundsätzliche“. Herr Professor Eggers war
Studienstiftler. 1967 promovierte er bei Stutte über die Schizophrenie des
Kindes- und Jugendalters. Bei Bickel habilitierte er sich über die Problematik
des geistig behinderten Kindes. 1975 kam er als habilitierter Pädiater zu Lempp
nach Tübingen.
Professor
Eggers hat über 270 Publikationen geschrieben, davon 100 den Psychosen
gewidmet. Neben seiner klinischen, Lehr- Vortrags- und Publikationstätigkeit
ist und war er in großen Prozessen, z.B. im Solingen-Prozeß, als Gutachter
tätig.
Herr
Professor Eggers begeistert und überzeugt gleichsam als Universalgelehrter der
medizinischen Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Literatur, Kunst,
insbesondere der zeitgenössischen und der Musik als Cellist.
Seine
Patienten sind bei ihm, der genau so über biologisch-biochemische Kenntnisse,
wie über psychoanalytische (in Winnicottscher Prägung) verfügt, gut aufgehoben.
Im
Geiste der Eggerschen Klinik werden von
seinen Schülerinnen und Habilitanten kinderpsychiatrische Kliniken in Deutschland
geführt.
Der
Kontakt zur französischsprachigen Psychiatrie ist ihm, der mehrere Jahre in
Frankreich studierte, ein Selbstverständliches.
Professor
Eggers private Liebe zur Kunst fließt auch in seine berufliche Arbeit ein. Sie
hat in dem Projekt „Unart“ quasi ihre Institution gefunden: „Im bildnerischen
oder modellierenden Gestalten kann sich das wahre, lebendige Selbst, der tiefe,
gemüthafte Kern des Kranken entwickeln“ (Eggers,
1998). So sind nach Eggers moderne Kunst und Kunstexegese mit der psychotherapeutischen
Arbeit bei Kindern verbunden, denn „so geht es auch in der Therapie und die
Benennung der Gefühle von Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung, Wut und vor allem
der Beschämung und Schuld, Gefühle, die unbewusst wirksam sind und das Kind
oder den Jugendlichen an der Entfaltung seines lebendigen Lebens behindern, ihn
viel mehr gefangen halten in seinem Gefängnis von widersprüchlichen,
verwirrenden und lähmenden Gefühlen“ (zur
Eröffnung der Unart-Ausstellung, Alto-Theater, 10.09.1993).
Professor Eggers ist nicht nur Maler und Poet
seines Faches, sondern handfester Diagnostiker und Therapeut. Wir können uns
jetzt schon auf das Lehrbuch „Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und
Jugendalters“ freuen, das er mit Fegert und Resch herausgibt und im Dezember
2003 erscheint.
Rapoport hielt den Festvortrag zum Thema
„Neuropsychologische Entwicklung und im Kindesalter beginnende Schizophrenie“.
In dem breit gefächerten Vortrag waren besonders eindrucksvoll die Darstellung
der modernen bildgebenden Verfahren, mit denen sich zeigen lässt, dass die
anatomischen Gehirnveränderungen im Lauf der Erkrankungsjahre zunehmen, also
Folge und nicht Ursache der Erkrankung sind. Es lässt sich bei schizophrenen
Patienten ein typisches back-to.front-Muster zeigen, bei Patienten mit
bipolaren Störungen oder Alzheimer-Patienten gibt es andere Muster, so dass
hier ein weiteres Diagnostikum zur Verfügung steht.
Während die anatomischen Veränderungen beim
Erwachsenen eher subtil sind, scheinen die bei jungen Patienten grob.
Ein weiterer bedeutsamer Schwerpunkt dieses
Vortrags waren genetische Aspekte.
Braun stellt in seinem Vortrag zur
Synaptogenese eindrucksvoll dar, dass Deprivation synaptische Schaltfehler
bedingt. Nach emotionalen Mangelsituationen lässt sich eine Verminderung der
Synapsen im limbischen System aufzeigen. Nach schwerer emotionaler Mangelsituation
kommt es zu tiefgreifenden, nicht reversiblen Veränderungen.
Bei schizophrenen Patienten liegt eine
Hypersensivität des dopaminergen Systems vor.
T.Crow widmet seine Aufmerksamkeit
besonders dem Evulutionsaspekt der Schizophrenie. Die Schizophrenie ist an ein
Gen gebunden, das es in dieser Form bei Affen nicht gibt. Wahrscheinlich ist
die genetische Variation, die zur Erkrankung geführt hat, einhunderttausend
Jahre alt und ereignete sich in Ost-Afrika. Sie hat etwas mit der
Sprachentwicklung zu tun.
Die Häufigkeit der Schizophrenie ist umgebungs-
und kulturunabhängig. Die klinischen Bilder ähneln in unterschiedlichsten
Kulturen mehr einander, als sie sich unterscheiden.
Eggers berichtet über den
Langzeitverlauf kindlicher Schizophrenien. Seine Studie verfügt über einen
Gesamtbeobachtungszeitraum von 42 Jahren.
Die Schizophrenie des Kindes- und Jugendalters ist
eine Entdeckung der Neuzeit. In der Romantik traute man sie der reinen kindlichen
Seele nicht zu.
Tramer war der deutschsprachige Erstbeschreiber.
Nancy Andreasen sagt:“ Wenn wir die Biographie
vergessen und nur das ICD verwenden, werden wir verführt zu glauben, mehr zu
wissen, als wir tatsächlich wissen.“
Die Prävalenz bei unter 15-jährigen beträgt o/oo. 59% der Patienten sind prämorbid psychisch
auffällig. Vorboten einer negativ gefärbten psychotischen Symptomatik sind
Rückzugstendenz, Schüchternheit, soziale Fehlanpassung und Vermeidungshaltung.
Die Prognose ist schlecht. 59% der Patienten bleiben alleine, nur 7% leben in
Partnerschaften. Geglückte Partnerschaften bei Frühschizophrenen gibt es nicht.
Die Patienten werden frühberentet und tragen ein hohes Risiko, sozial isoliert
zu werden.
Der paranoide Typ erscheint am häufigsten in der
Prä- und Frühpubertät.
Marneros sprach über akute
vorübergehende psychotische Störungen. Die Halle-Studie verfügt über sieben
Katamnesejahre. Die Häufigkeit des Krankheitsbildes wird mit 8,5% in den
Industrieländern angegeben, in den Entwicklungsländern gibt es höhere Zahlen.
80% der Erkrankten sind weiblich. Die Erstmanifestation kann in jedem Alter
auftreten. Akute Belastungen spielen keine Rolle.
Die akuten vorübergehenden Störungen dauern im
Durchschnitt 13 Tage. In fünf Jahren wurden 80% Rezidive beobachtet. Zur Symptomatik
gehören Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Symptome ersten Ranges, Aktivitäts-
und Denkstörungen, Wechsel zwischen Exstase und Angst sowie Inkonstanz der
Wahrnehmungsphänomene. Zur Einordnung mag der Begriff des „psychotischen
Kontinuum“ hilfreich sein.
Eindrucksvoll war der Vortrag von Hirsch
(London), der besonderes Augenmerk den ereignisbezogenen Potentialen bei der
Schizophrenie schenkt. Dies erlaubt die Differenzierung zwischen der
Schizophrenie, gesunden Kontrollen, bipolaren und anderen Störungen. Der
schizophrene Patient hat ein Problem mit der Dekodierung neuer akustischer
Informationen. Ähnlich interessant ist der Stellenwert der funktionellen MRI
bei Ersterkrankung. Es besteht die Hoffnung, durch die funktionelle MRI die
Brücke zwischen Molekularbiologie und Neuropsychologie zu schließen. Die
Kernspintomographie erlaubt „Einblicke in das funktionelle mikrostrukturelle
Fenster“. „Fiber tracking“ ist möglich. Mit der funktionellen Kernspintomographie
lassen sich zum Beispiel spontane Aktivierungsphänomene bei akustischen
Halluzinationen darstellen. Verlaufsuntersuchungen sind bedeutsam, bezogen auf
Neurotoxizität und Neuroplastizität. Es lässt sich im Verlauf eine
charakteristische Morphologie darstellen. Unter Haloperidol nimmt die graue Substanz deutlich ab,
unter den Atypica nicht.
Noch ist die funktionelle MRI eine Sache der
Grundlagenforschung. Es besteht jedoch große Hoffnung auf die Antwort auf
klinische Fragen zur Neurotoxizität, Stillstand des Prozesses durch die Behandlung,
zum neuronalen Überleben und zur Frage, ob die neuronale Funktion wieder
hergestellt werden kann.
Das Zusammenspiel von Genetik und akuter
Traumatisierung lässt sich eindrucksvoll mit Methoden der funktionellen MRI darstellen.
So konnte gezeigt werden, dass die Amygdala durch erschreckende Bilder
aktiviert werden bei bestimmter genetischer Ausstattung.
„If the
brain were so simple that
we
could fully understand it,
we
would be too simple to understand it”
(Emerson
Pugh)
Fegert berichtete ausführlich und
sorgfältig zu den ethischen und rechtlichen Problemen der Neuroleptika-Therapie
bei Kindern und Jugendlichen.
Ciompi zeigte, welch allumfassende
Maßnahmen durch das Soteria- Projekt in Bern ergriffen wurden, um für die
Patienten eine Atmosphäre emotional nachhaltiger Entspannung zu bereiten.
Angermeier berichtete über den Stigmatisierungsprozess und entwickelte
Strategien zur Reduzierung der Stigmatisierung. Interessanterweise gibt es hier
große soziologische Unterschiede. In Deutschland werden psychisch Kranke als
gefährlich eingestuft, in Novosibirsk und der Mongolei als ungefährlich.
Von vielleicht sogar noch größerer Tragweite als
die Fremdstigmatisierung ist die Selbststigmatisierung.
Der Abschlussvortrag von Dörner „Ethische
Überlegungen zu Schizophrenie und Gesellschaft“ war höchst beeindruckend.
Dörners Theorien sind getragen von den Erfahrungen mit den Gütersloher
Langzeitkranken, die nach und nach alle entlassen wurden nach guter Verselbständigung
und ambulanter Betreuung, entsprechend den skandinavischen Modellen. In
Schweden und Norwegen sind Heime verboten, die Institutionalisierung wird als
ein Verstoß gegen die Menschenrechte betrachtet.
In der Einrichtung konzentriert sich die
Unerträglichkeit. Dörners ethische Überlegungen sind in seinem Buch „Der gute
Arzt“ im Schattauer Verlag nachzulesen.
Den Festabend gestalteten im Wesentlichen
literarisch und musikalisch Patienten von Herrn Professor Eggers mit einer
späten Beethoven-Violinen-Sonate und einem anrührenden Märchen von Oskar Wilde
:“The Remarkable Rocket“.
Das Symposium in Essen war vom Anfang bis zum Ende
spannend und überraschend. Es spiegelte wissenschaftlichen Fleiß und Witz,
ärztliche Sorge um die Betroffenen und vielfältige kreative Lösungen.
„It is creative apperception
more than anything else
that makes the individual feel that life is worth living”
(D.W.
Winnicott)
Herrn Professor Eggers und
allen Mitgestaltern dieses besonderen Symposiums sei innigster Dank gesagt.
Alle Anwesenden hoffen auf ein nächstes Symposium zur Schizophrenie im Kindes-
und Jugendalter, das er ausrichten wird.
Auch im Namen der Redaktion gratuliere
ich Herrn Professor Eggers nochmals herzlich zu seinem Geburtstag und seinem
bisherigen Lebenswerk.
U.Paporisz
Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Ute Paporisz
Fachärztin für Kinderheilkunde,
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie
Am Wolfsberg 13, 56332 Dieblich
Tel.: 026 07-86 04, Fax.:026 07-86 21
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